In "Gedichte".

Devolution

Die nächsten Tiere
werden Menschen sein,
die Regenwasser aus den Beulen
ihrer Wellblechdächer saufen,
Regenwasser
ohne Zusatz von Beruhigungsmitteln
und Antidepressiva.
Sie schlafen niemals tief.

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Ertrinken

Im Getöse des vorbeifahrenden Schnellzugs
habe ich fast nicht bemerkt
wie du zurückgeglitten bist
in die nasskalte Sicherheit deines
psychotherapierten Lebens.

Die Wellen haben sich gelegt.
Und nichtmal deine Hand
ragte zu lange aus dem Wasser.
Mit einem blöden Lächeln auf den Lippen
bist du ersoffen.

[Ich werde an dieser Stelle nicht erwähnen, dass ich alles vorher schon gewußt und deinen Tod billigend in Kauf genommen habe. Du hast dich einfach nie gelohnt.]

(2004)

Verschwinden

Mit meinen Gedärmen in der Hand
und etwas zittrigen Knien
hocken wir im Haldunkel eines fremden Zimmers
bis du die Spülung ziehst
und ich verschwinde.

(2003)

Gewicht

Über den Rand meines
Glases gesehen
die Meute, das Pack:

Denen wurden
die Kinder verboten,
Geschwüre implantiert,
Fehlurteile verhängt.

Die haben zu klagen.
Mein Glas ist halb leer.

(2003)

Abgang

Im Fenster der Dachschräge
zerschellen lautlos Regentropfen
und deine Schönheit,
die lichterloh die Nacht verhöhnte,
vergilbt im grauen Licht
des Morgens.

Und irgendwo im Regen
ziehen Krähen ihre Runden.

Der Tag ist gelaufen.
Ich gehe.

(2004)

Ode an einen unbekannten, osteuropäischen Pornostar

Neunundreißig Sekunden und
jetzt liegst du da,
die Hand am Schwanz,
schüchtern grinsend und mit
verklebten Augen
schaust du in die weite Welt
neben der kleinen roten
Lampe.

(2004)

Sturmopfer

Hast du Schmerzen?
Du fragst, während wir zitternd
im eisigen Wind auf der Plattform kauern
und warten.
Ja, ich schreibe.
Weiter:
Bist du krank?
Ich nicke.
Ich schreibe.
Und, nach einer Pause:
Warum sprichst du nicht mit mir?
Dann plötzlich reißt der Sturm dich fort,
dein Körper taumelt in Laub und Staub,
ausgeliefert wie ein Wetterfähnchen
im roten Wind nach oben und du schreist:
Warum sprichst du nicht mit mir?!

Schon leise und klein vor den Sternen,
Schon ein Bild.
Ich schlage den Kragen hoch
und schreibe es auf.

Ein Schnellzug rauscht vorbei
und es wird hell.
Ich lege den Zettel auf die Bank
(die leere Flasche obendrauf)
und nehme die Treppe.

(2004)

Sündenfall

Ihr Kleid zerfetzt von seinem Zorn,
die Knöpfe auf dem Boden,
glitzern silbern in der Sonne wie
runtergefallene Sterne oder
die Augen
toter Fische liegen sie da,
neben seinen Versprechungen
und ihren Hoffnungen.

(2003)

Zu Hause

Durch den Gestank von Kotze und Pisse
aus fremden Körpern, die Treppe hinauf,
stolpernd (blind) in meine Welt der
sechsundzwanzigzähnigen Forschungsunglücke,
entstellte Probanden,
stumme Kreaturen ohne Zunge,
Flüchtlinge und Heimkehrer,
Killer, Lehrer, leichte Beute.

Und während unten ein anderer
würgend sein Leben auf die
Stufen platschen lässt
tippe ich das nächste

Wort.

(2004)

Marionette

Die Schnüre an den Handgelenken sind gekappt.
Ich liege in der Kiste,
mir fehlt ein Auge
und mit dem anderen sehe ich dir nach.