Die Kinder von Bullerbeat

WARTE AUF ALLE SIGNALE. Kombiniere Silben mit Geschlechtern während auf Hochglanz polierte Ärsche durch die Katakomben tanzen. Zu ramschpreisigen Bullerbeats. Blutjunge Ärsche, die noch viele Blicke vor sich haben, und Hände, Schwänze. Jo ma ju…! Ich geh mich erstmal frisch machen und finde einen Blumenstrauß in der Kloschüssel. Gelbe und rote Tulpen. Hängen da drin mit ihren Köpfen im Wasser.

Da weiß ich, dass der Abend gelaufen ist.

Es fällt mir immer schwerer zu labern. Entwickle mich langsam zum Kantenkind. Wie ein Chamäleon mache ich auf Beton, verschmelze mit der Wand hinter mir. Und dann löst sich doch wieder ein irgendwoher bekanntes, knappsitzendes Kleidchen aus der zuckenden Masse und es geht von vorne los: Was ich so gerade und du so? Mmmh… cool… echtjetze? Hammer! Kipperollen, Klick und Prost. Was ich eigentlich sagen will ist: Du bist heiß. Lass mich dir einfach weiter zugucken und dabei Fantasien erarbeiten, die so dreckig sind wie schallende Ohrfeigen.

Bitte!?

Die letzte Einstellung wurde übrigens vom Rumgefuhrwerke eines vollständig eierlosen DJ untermalt. Überhaupt. Es fehlt an Mut. Stattdessen im Programm: Allgemeines Abwarten und Stillhalten und dabei möglichst schick aussehen. Bloß nichts riskieren. Bloß keine Abfuhr kassieren. Mittlerweile auch wissenschaftlich belegt: Ein Prozent macht, der Rest guckt zu und lacht wenn’s schief geht. Lachen ist gut fürs Ego.

Fazit: Geschlossene Türen, soweit die Seele reicht. Bald muss ich mich nicht mal mehr anstrengen, um Beton zu sein.

linkesaugehinkt_de_20141028_solex

Transkript einer Krise

Sommer ist verbrannt und wir dürfen jetzt unsere Makel wieder verstecken. Die schiefen Beine, den Bauchansatz, Erbkrankheiten und sonstige Irritationen. Ich lecke gerne Pussy. Könnte Stunden damit verbringen. Oder in fremde Leben eindringen. Noch so’n Steckenpferd.

Gestern ist verbrannt und ich gucke mir die Asche an: Keine Knochen, kein Gold. Anschließend betrachte ich ‘ne Mutter und ihre Tochter auf dem Weg zum ersten Schultag. Beide tragen roten Lippenstift und lackierte Schuhe.

Das Manuskript auf dem Tisch neben mir ist ein unberechenbarer Messerstecher geworden. Während das Umfeld vom Weihnachtsgeschäft redet, kämpfe ich um meine Eier.

Sehne mich nach Nackt und dem Klickklack der Kamera, dem Anrollen des Abends gegen die letzten felsigen Hemmungen. Junge Exhibitionistin im Großraum Berlin gesucht: Ich (m, Freelancer in Unterhalt. Branche, PKW u. eig. Whn. in Bln NK vorh.) biete großes Sortiment an Kaltgetr., anständ. Kokain, 3 Rollen unbelichteten S/W Film und jede Menge versaute Vorstellungen.

Homeporn, so wahr mir Gott helfe.

 

linkesaugehinkt_de_20141017_zeit

Einundzwanzig Knoten

Meine Handgelenke sind auf dem Rücken zusammengebunden und der Knoten an einem Pflock im Boden fixiert. Kann mich kaum rühren und schäme mich ein wenig, nackt auf dem Lehm zu liegen. Betrachte deshalb die dünnen Gardinen, in die der sanfte Seewind atmet und lausche den Grillen, die draußen vor dem Fenster zirpen. Ab und zu bellt ein Hund, vielleicht im nächsten Dorf, halbe Stunde den Pfad runter. Ihre wildledernen Mokassins münden in makellose Waden münden in makellose Schenkel und ich habe immer noch keine Ahnung, was der Sinn dieser Übung sein soll.

Die Trommel singt: Tamtam… Tamtam… Tamtam… Tamtam.

Nach einer halben Stunde beginnt es unbequem zu werden: den anfänglichen Taubheitsgefühlen folgen Schmerzen, dann setzt das Flehen ein und anschließend rollen die ersten Drohungen. Wallende, krampfende Muskelmasse. Grenzenloser Zorn. Nach zwei weiteren Stunden bin ich soweit, den letzten Rest Übersicht zu verlieren und zerre und reiße panisch an dem verfickten Hanfseil rum, heule dabei mit dem Köter (an der Kette) um die Wette und verfluche mit jedem Atemzug

diesen

>> BESCHISSENSTEN MEINER EINFÄLLE <<

 

Als ich mich plötzlich befreit habe, bleibe ich mitten im Raum stehen, starr und ratlos wie ein entlassenes Nutztier. Da hört die Trommel auf und nimmt meine Hand und führt mich rüber zum Bärenfell. Schwer zu sagen, ob das zum Programm gehört. Es ist einsam hier oben. Ihre Pussy jedenfalls ist frisch und glatt und jugendlich und ich genieße jeden Atemzug.

Der Hund ist still, als ich aus der Hütte trete.

In der letzten Nacht verbraucht sie fünfzehn Meter handgeflochtenes Seil und ich arbeite fast bis zum nächsten Morgen, um aus diesem Knoten wieder raus zukommen. Ohne einen einzigen Fluch, ohne eine einzige Drohung. Wir trennen uns zwischen vereinzelten Sonnenstrahlen, die wie Pfeile durch das Geäst der Pinien brechen.

 

Habe ich gelernt, mich zu befreien?
Nicht du, sagt sie und klopft mir dreimal mit der flachen Hand

auf die Brust.

linkesaugehinkt_de_20141015_mau

Fehjn! Fehjn!

Der kleinwüchsige Mann mit der Silberbrille zischt es mit aller Inbrunst in seine winzigen Fäuste.

Fehjn! Fehjn!

Dann ist es wieder still im Wartezimmer. Zum zwanzigsten Mal schiebe ich meine Notizen zusammen, klappe die Beine übereinander, rücke meine Silberbrille zurecht und seufze. Der Zeitungsständer gibt nichts her, das Mobiliar ist desinfiziert, im Aquarium kann ich keinen einzigen Fisch entdecken.

Fehjn! Fehjn!

Komme wieder beim Verrückten an, den seine Wahnvorstellungen in die Zimmerecke rechts von mir gequetscht haben. Vier, vielleicht fünf Schritte entfernt. Der Mann ist kaum größer als ein Schuhkarton. Die Tür fliegt auf und das Luder trägt jetzt schlabberige Leggings unter einem schlabberigen Kittel aus Schnee und steril. Mit einem Klemmbrett unter dem Arm betritt sie den Raum und hält geradewegs auf mich zu. Im Fernseher hoch über dem Kleinwüchsigen brennt ein Mensch in High Definition.

Würdest du das hier bitte ausfüllen?
Natürlich.
Und nicht schummeln. Mit falschen Angaben schneidest du dir nur selbst ins Fleisch.
Okay.

Sie drückt mir das Klemmbrett mit dem Fragebogen in die Hand und lächelt warm und freundlich. Ihre Schlappen haben Löcher, durch die rotlackierte Zehnägel blitzen. Zehnägel in Höhlen. Ich hatte das Luder vor einigen Stunden getroffen, in Lichtenberg, als noch Nacht war. Stand geschäftlich in einer gefährlichen Straße rum, mit den Nerven eines Folteropfers. Stand bewegungslos und lautlos da, bis ich ihre Absätze über den löchrigen Asphalt klappern hörte und panisch herumfuhr, denn ich hatte Turnschuhe erwartet oder Mokassins. Sie stackte hilflos in meine Richtung, ganz in schwarzem, hautengem Latex gefangen, die Hände auf den Rücken gefesselt, Ball im Mund. Ihr blondes Haar hing in schweißnassen Strähnen herab, Trip Oktopus, Trip in den Augen.

MMMHÜMÜHMÜMMHÜÜÜ!!!

Solche Scheiße passiert mir. Unterschrift Steinbart. Gleichzeitig gebe ich das Klemmbrett, den Kugelschreiber und das Lächeln zurück.

Ich habe nicht geschummelt.
Braver Junge.
Fehjn! Fehjn!
Kommst du?

Jetzt werde ich für einige Zeit in dem Zimmer am Ende des Flures verschwinden. Angeblich haben die da drin eine Wasserrutsche in Form einer endlosen, inwendigen Spirale und allerlei andere Abkürzungen ins Untergeschoss der eigenen Wirklichkeit. Was nach ‘ner Menge Spaß aussieht kommt mit einem gewissen Risiko. Man kann da drin verrückt werden, wenn man nicht aufpasst. Wenn man schummelt.

Drei vor fünf, Zeit zu gehen.

Ich liebe euch.
Ernsthaft.

linkesaugehinkt_de_20140918_fehjn

Unpromote my Arsch

Ich habe neulich den Teufel getroffen. Von Beruf ist er Medien- und Kommunikationsberater. Hat Kontakte bis nach ganz oben. So einer ist das… Er führte mir sein nagelneues Telefon und jede Menge busy-busy vor und wenn er nicht am scrollen oder tippen war, guckte er böse und selbstgefällig. Wir saßen zu dritt um einen kleinen Tisch herum und warteten darauf, dass uns Biere gebracht würden. Der Dritte im Bunde war gleichzeitig der Initiator dieser konspirativen Zusammenkunft, die er uns, als harmloses Bierchentrinken verkleidet, untergejubelt hatte. Er vertrat die Meinung, das Seltenheim es verdiente, in den ganz großen Medien eine faire Besprechung zu kriegen.

Das hier war seine gute Tat.

Schließlich kamen die Biere und wir stießen an. Prösterchen, sagte der Teufel. Und das war das letzte positive Wort, das er an diesem Abend von sich gab. Nachdem wir die Gläser wieder abgestellt hatten, griff sich der Dritte das Mikro und erzählte dem Teufel von meinem Buch und der Teufel scrollte und tippte und hob ab und zu den Kopf um zu nicken oder Aha zu sagen. Als der Lobgesang abgeklungen war (ich inspizierte währenddessen meine Schuhe), legte Hölles Abgesandter das Internet auf den Tisch, wartete bis der Monitor erloschen war und startete anschließend eine zwanzigminütige Belehrung darüber, was ich wie zu schreiben und zu sagen und zu tun hätte, falls ich es in dieser Welt zu etwas bringen wollte.

Also schriftstellerisch.

Die Details erspare ich euch. In etwa fühlte sich das an, wie bei einer Arschloch-Anprobe, bei der allerdings der Körper dem einzunehmenden Rektum angepasst wird und nicht umgekehrt.

Also, hmmm… an der Seele und den Schultern nehmen wir noch zweidrei Zentimeter weg und dann kriegen wir Sie da schon rein… Scheiße, zur Not ertränken wir Sie vorher in Gleitmittel…

Gegen Ende des höllischen Vortrages jedenfalls begann ich zu grinsen und mein Grinsen wurde mit jedem Satz breiter, bis ich irgendwann aussah wie ein neckischer Delphin. Das erzürnte den Teufel sehr und er rief mit bebender Stimme:

Vergiss nicht wer ich bin! Du brauchst mich! Nicht umgekehrt… Also entweder du spielst nach meinen Regeln und kommst vielleicht nach Pussyland, wo es MDMA regnet, Porsche blitzt und Basslines donnert, oder du bleibst das, was du bist.

Niemand.

Da ich auch nach weiteren Drohungen keine Anstalten machte, zur Vernunft zu kommen, ließ der Teufel schließlich von mir ab und verdrehte resigniert die Augen: Was für eine Zeitverschwendung… Damit stand er auf, zahlte sein Bier und verschwand in die Nacht. Nach einer langen, bedrückenden Stille bestellte der Dritte zwei doppelte Vodka, die Sekunden später zwischen uns standen. Völlig weggetreten hing er in seinem Stuhl und betrachtete die beiden beschlagenen Gläser in der Mitte des Tisches.

Drauf geschissen, sagte ich. War gut gemeint aber eh ‘ne bekloppte Idee von dir…

Keine Reaktion. Nichts. Völliger Absturz in was-weiß-ich-für Tiefen. Sicher, es war bestimmt nicht einfach, eine so gefragte Persönlichkeit wie den Teufel an den Tisch zu kriegen… Trotzdem niederschmetternd, wenn man doch nur gute Intentionen verfolgt… Plötzlich zuckte ein Gedanke durch das versteinerte Gesicht des Dritten. Ich konnte das richtig sehen… Mit einem Schlag sprang er auf.

Mein Gott! rief er mir ins Gesicht und hob feierlich sein Glas. Ich liebe dich!

Um mich von dem folgenden Lachanfall zu erholen, brauchte ich geschlagene 55 Minuten und 4 weitere Wässerchen. Danach hatte ich mich soweit im Griff, dass ich den Heimweg riskieren konnte, ohne unterwegs verhaftet zu werden.

linkesaugehinkt_de_20140912_doubles

Dreimal Zunge

1 Träume unter Laborbedingungen. Zungen, die sich aus Fenstern strecken, sich blind in meine Richtung bewegen, sich durch Gulliroste quetschen, immer suchen, immer tasten… durch Schlüssellöcher hindurch, ssss..! Dabei penne ich nicht mal. Hocke wie ein nervöser Koboldmaki in einem Baum, unter dem finstere Akrobaten ihren nächstbesten Impulsen nachgeben. Handschriftliche Zungen, um den Kreis zu schließen,

ssss und feucht und blind.

2 Kurzschluss in der grünen Lampe auf meinem Schreibtisch. Ich bleibe unbeeindruckt sitzen, in der Dunkelheit, und stelle mir eine Zeit vor, in der ich nicht mehr schreiben muss.

XYZ An das außerirdische Mädchen im blauen Kleid: Leider hast du mich in einem Moment erwischt, da ich gerade meinen Rücktritt eingereicht hatte. Doch in meiner Brust steckt ein versauter Vogel, glaub mir.

linkesaugehinkt_de_20140905_oktopussie