Nachbars

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein hell erleuchtetes Zimmer. Drei Typen stehen unter einer nackten Glühbirne und gucken zu mir rüber. Jeder einzelne von ihnen sieht genauso aus wie ich. Ein Weile lang starren wir uns gegenseitig an, dann löst sich die kleine Gruppe auf und jeder verlässt den Raum durch eine andere Tür.

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Alles auf Null

Träume manchmal. Von den guten alten harten Zeiten. Als Jäger in den späten Straßen, die kunstgelb beleuchtet die Arena B machten. Hier und da ein Neonblitz: Spawn und ein neues Ziel im Spiel. Die Hatz geht los, die Lunge lungt, das Herz am Anschlag… im Gesicht zwei winzige, knallrote Augen mit halbtransparenten Lidern (wie Fledermausflügel)… steter Blutrausch im Ohr und schlaflos aus Gier: Fleisch! Sound! Gottgefickte Poesie! Ich habe keinen Bass verpasst, ich schwöre.

Heute sitze ich in meinem Strandkorb und schlürfe in aller Langsamkeit mein Bier.
Ich gucke auf das Meer hinaus soweit mein Blick mich trägt. Keine Welle, alles ruhig. Was ist da draußen?
Ich bin hier, sagt der Wind.
Ich bin hier, sagt das Meer.
Kann ich euch vertrauen?
Wir spielen mit offenen Karten. Bis jetzt haben wir noch keinen beschissen. [*]

Die Jagd ist vorbei. Eine Reise beginnt.

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[*] Seltenheim (S. 220 f.)

Berlin hat Sommer

Unvorbereitet einer übertrieben hohen Dosis blanker Haut ausgesetzt, beginnt Lotse Steinbart zu stottern. Er flüchtet aus dem Zimmer, rennt durch Hausflure, die Straße hinunter und klettert schließlich auf einen baumhohen Turm aus glattem Metall (das Material sondert in regelmäßigen Abständen einen grünes Leuchten ab, wie Atemzüge). Lotse Steinbart unsichtbar: Linke Hand der Schreiber und in die andere am Sack.

Acht Meter tiefer zieht das eingeflogene Feiervolk vorbei und die Mäuler beeindrucken sich gegenseitig mit immer tödlicheren Waffen. Eine Armee von Individualisten: Niemand ohne Bier. Niemand ohne Bart. Niemand ohne Stil.

Stunden später
weht der warme Wind Berliner Nuttendiesel durch die Straßen: Kotze & Kater. Döner & Pisse. Abgerundet mit einer Spur frühmorgendlichen U-Bahn-Muffs.

Stunden später
wacht Lotse Steinbart am schrägen Ufer des Landwehr-Kanals auf: Es ist schon Mittag und die Wasseroberfläche derart überfüllt, dass er trockenen Fußes auf die andere Seite gelangt.

Macht den Jesus. Kommt in die Zeitung. Berlin hat Sommer.
Auch schön.

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Im Krematorium auf Sparflamme

Absurd. Ich meine: irgendwann sind wir doch alle gar und staub. Also wozu die ganze Hirnficke? Weit aufgerissene Empfänger, Mäuler, Rachen: Hauptsache der Input kommt. Spagat zwischen den Kajaks Jackpot und Pferdekopf. Dunkle Ausläufer der eigenen Vorahnung begleiten uns durch den Tag.

Sie brauchen sich erstmal keine Sorgen zu machen.
Mmh.

Nachts dann die Flucht in morphine Zeitlupen: Klassenloses Tippgetripp und Bassgebums ohne böse Absicht und Profit. Augen zu und Weltall, bis die Öffnungszeiten einschreiten.
Und dann: Licht an, Besenmann.

Deine Seele und meine Seele, das ist in Wirklichkeit dieselbe Seele.
Geh nach Hause, du Vogel. Hier ist Feierabend.

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Zu anstrengend

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FREIE PLÄTZE AB JUNI !!!
MIT ERLEUCHTUNGS-GARANTIE (*) !!!

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Ich will jetzt mal ganz ehrlich sein. Bis auf wenige Ausnahmen springen alle meine Adepten ab, meistens schon nach der ersten oder zweiten Sitzung. Zu anstrengend, kritzeln sie auf die Abmeldung. Anschließend kehren sie zurück in ihre persönliche Warteschleife und ich höre nie wieder etwas von ihnen.

Zu anstrengend?

Aus meinem Prospekt: Du jagst deine digitale Ausbeute durch all die vielversprechenden Nachbearbeitungs-Filter und deine Fotos sehen trotzdem beschissen aus? Korrekt. Weil in jedem einzelnen von Nobuyoshi Arakis Bildern die tausenden von Fotos stecken, die er fluchend in die Tonne getreten hat. Du hast einen ganzes Wochenende lang getippt und kannst immer noch nicht so schreiben wie Набоков? Korrekt. Weil in jedem einzelnen Satz die tausenden von Sätzen stecken… usw. Und kommt mir jetzt bloß nicht mit Talent. Darüber können wir reden, nachdem du deine Hausaufgaben erledigt hast. […] In der Magie läuft auch nichts ohne literweise Achselschweiß. Deshalb tut sich das auch heutzutage niemand mehr an: Bergeweise multidisziplinäre Hausaufgaben. Und diese Hausaufgaben haben es wirklich in sich, das sag ich dir gleich. […]

Also bitte.

Ein ziemlich ausgeleuchteter Mensch hat uns mal erklärt, dass wir die nächste Stufe der Evolution nur durch spirituelle Weiterentwicklung erreichen können. Na dann gute Nacht, meine kleine Menschheit. Spirituelle Entwicklung ist nämlich auch anstrengend, sehr sogar. Könnt ihr mir ruhig glauben, ich mache in der Branche. Glücklicherweise habe ich bereits diesen Level erreicht, wo man splitternackt durch den zeit- und raumlosen Kosmos schweben darf und einem das Schicksal der Menschheit voll am Arsch vorbei geht, weil es weder ein Schicksal noch eine Menschheit gibt.

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Mein Lebensmotto

Mütter einer Freiwilligen-Armee, die um ihre zerschossenen Söhne trauern. Selber Schuld steht auf dem Begleitschreiben der Särge (automatisch erstellt und ohne Unterschrift gültig). Das Begleitschreiben finde ich übrigens in einem verwehten Hauseingang in Lichtenberg und hebe es nur auf, weil es so schön zeremoniell aussieht. Die Haustür hinter mir war kurz zuvor ins Schloss gefallen. So ein allerletztes, finales ins-Schloss-fallen. Mit Tränen und ewiger radioaktiver Seuche und allem.

Drauf geschissen. Ich bin Schriftsteller.

Dieses Motto, mein lieber Leser, hat mich schon so manches Mal wieder aufgerichtet und oft auch vor ernsthaften Konsequenzen geschützt. Oh ja. Neulich im Netto an der Sonnenallee zum Beispiel, als Bullen in Zivil mit gezückten Handfeuerwaffen den Laden stürmten und ich in goldenen Penis-Pantoffeln an der Kasse stand und blitzartig die Hände in die Höhe riss, um mich zu ergeben (die Penis-Pantoffeln gehörten nicht mir).

Tja was soll ich sagen, ich kam davon.

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