Die zweite Sitzung

In der Friedelstraße entdeckte ich den verschenkten Küchenstuhl, auf dem ich vierzig Minuten später sitze, im zukünftigen Sarg des 5P4MM3RTH0L063N. Er selbst befindet sich auf der Kommandobrücke und sieht in diesem Moment ein bisschen so aus wie der Typ in Matrix, die Eingangsszene, wo ihn die Stimme aus dem digitalen Drüben justamente aus dem Schlaf geklopft hat. Ich denke, das könnte ein Kompliment sein und spucke es aus.

5P4-TH0: Hast du den Film verstanden?
Ich: Weiß nicht…
5P4-TH0: Manchmal frage ich mich-

HA PISSER HA. Sicher gibt es eine Matrix, aber die ist weder elektrisch noch wird sie von irgendeiner Robotermafia kontrolliert, die dem armen Menschenvieh den Saft absaugt wie in einem Gruppenkuhstall. Als die Matrix entstand, gab es das Wort Roboter noch gar nicht (und damit auch keine Roboter). Sie ist die Sprache selber, das Wort. Sprache lässt unsere Gedanken entstehen, kreiert unsere Welt und alles, was drin ist. Wie die Matrix bildet sie die für uns unsichtbaren Rahmenbedingungen, innerhalb derer wir unser Leben abwickeln. Einen Link zu Benjamin Lee Whorf’s These findet ihr unter diesem Video. Und, um bei dem Bild zu bleiben, die Roboter sind diejenigen, die den Lagerbestand und die Bedeutung der Worte kontrollieren.

Ich schweife ab.
Kometenschweif.

Stimmung schreiben: Also im Raum ist es so finster wie bei der letzten Sitzung. Nur die beiden Bildschirmschoner (hübsche, bunte Fraktale) leuchten in rotierenden Farben. Davor die Silhouette des 5P4-TH0, die niemals isst und niemals trinkt. Zwischen uns steht ein digitaler Verpixelungs-Effekt, der den 5P4-TH0 und mich gleichermaßen anonymisiert. Wir müssen bloß vorsichtig sein. Ach sieh an, jetzt fällt mir auch auf, dass der Gestank hier drin viel erträglicher ist als bei meinem letzten Besuch. Vielleicht hat er den Hamster beerdigt…

Schreibst du jetzt die Nachricht für uns oder nicht?
5P4M, ALTER! 5P4M!!! Wozu brauchst du ‘ne Nachricht?!
Du hast überhaupt gar nichts kapiert! Wir ändern die Form mit dem Inhalt!
Klick, macht das Feuerzeug. Plopp, macht der Kronkorken.

An dieser Stelle ertönt die Stimme desjenigen Sprechers, der hauptberuflich mystische Ägypten-Dokus synchronisiert, begleitet von einer bedrohlichen Soundkulisse. Er sagt, dass wir einschalten sollen wenn es wieder heißt: Penisvergrößerung! Alle gängigen Kreditkarten werden akzeptiert!

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5P4MM3RTH0L06I3

Die Klingel macht Ding-Dong, wie auf dem Dorf. Ich höre gemächliche Schritte im Flur und dann das Rasseln von sechs oder sieben Ketten, bevor ein leichenbleiches Gesicht aus nur einer Handvoll Polygonen erscheint. Der Geruch von saurer Milch quetscht sich durch die schmale Türöffnung in den Flur, wo ich stehe und meine Akkreditierung hochhalte. Ein Zögern und noch eins, dann geht es weiter.

Komm rein.
Alles klar?
Wir müssen bloß vorsichtig sein.
Wir?

Außer dem Flackern der beiden Bildschirmschoner ist es dunkel im Zimmer. Dass der Geruch unerträglich ist, erwähnte ich bereits in Zeile 3. Dazu kommt noch der Hamster. Ich werfe einen Blick in den Käfig am Fußende der nackten Matratze, kann aber nichts erkennen.

Der ist tot. Hab vergessen, ihn weg zuschmeißen.
Mach das mal. Der Gestank ist kaum auszuhalten… Bierchen?

Mir würde im Leben nicht einfallen, irgendwo ohne Bierchen aufzuschlagen. Ich stelle meine Tasche auf den Boden und hole zwei Flaschen raus. Sie sind feucht und kalt (nicht das Lichtenberg-Arbeitsweg-Um-Sechs-Uhr-Morgens Feucht & Kalt, sondern das vom Ahe-Atoll, um ca. 12:45 Ortszeit, nach dem ersten erfrischenden Bad im lauwarmen Türkis).

Ich trinke keinen Alkohol.
Kann ich hier rauchen?
Wenn’s sein muss…
Ja. Muss leider sein.

Weiterlesen…


Hennich, Alter

Der Junge auf dem Barhocker neben mir hat seit kurzem keine Beine mehr. So richtig kann er sich nicht erinnern, wie das passiert ist. Nur daran, wie er nach dem Club auf die Bahn gewartet hat. An die schnellen Schritte hinter ihm, vage an die Null-Chance. Und dann ist er aufgewacht, im Krankenhaus. Ohne Brieftasche, ohne Handy und ohne Beine.

Beine ab, Job weg, meine Alte konnte das nicht verdauen und die nächste behindertengerechte Bude, die frei wird, liegt mitten in Lichtenberg.
Heilige Scheiße…

Wir kriegen einen Satz volle Gläser, stecken frische Zigaretten in Brand und gucken geradeaus in den stumpfen Spiegel hinter den Flaschen.

Nee, sagt er plötzlich. Scheiße ist, dass ich nicht mehr tanzen kann.

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Kampfmuskel

Zur Kenntnisnahme.

Das Herz ist weit mehr als ein stumpfer Kampfmuskel, der uns durch die Tage und Nächte schlägt. Doch seine Fähigkeiten als Gleichgewichtsorgan werden heutzutage kaum noch in Anspruch genommen. Wir halten uns da lieber an unseren Verstand. Dabei ist das Hirn eine Hure, die sich von jedem dahergelaufenen Gedanken durchvögeln läßt. Schon bemerkt? Gratuliere.

Das Herz ist unbestechlich.
Verlass dich drauf.

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Inventur

Bei der letzten Inventur vor ein paar Tagen ist mir aufgefallen, dass ich über fünfzig Prozent meiner Zeit mit lebenserhaltenden Maßnahmen verbringe. Weitere fünfundzwanzig Prozent hänge ich in einem völlig erschöpften, traumlosen Schlaf und die restlichen Prozent versuche ich, die Augen auf zu kriegen, um das Eis von den Fenstern meiner Seele zu kratzen.

Leben braucht Zeit. Wir haben keine. Das ist Teil des Konzeptes.

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Zur Lage der Nation

Heute früh ist mir bei der Beantwortung einer Email versehentlich der Kragen geplatzt. Meinen ersten und letzten Text zur Lage der Nation habe ich aus dieser Antwort kopiert.

[...]

Scheiß auf mein Herz. Was mir wesentlich größere Sorgen macht als die verfickten dreißig Milliliter gesundheitsschädlicher Milch, die ich mir täglich in den Kaffee schütte, ist die Tatsache, dass wir gerade in aller Seelenruhe auf einen neuen Krieg zusteuern. Nicht in irgendeinem Land, dessen Namen wir nicht aussprechen können, sondern direkt hier, in unseren Vorgärten und Hinterhöfen. Hundert Jahre nach dem ersten Weltkrieg scheint die Zeit mal wieder reif für ein anständiges Gemetzel. So ein richtig fetziges Schlachten, mit umherfliegenden Körperteilen und aufgeschlitzten Kehlen. Mit viel Geschrei und Blut und Wahnsinn. Die Bundeswehr rekrutiert schon mal vorsorglich die Minderjährigen, die Propagandamaschine holt Den Russen aus dem Regal, pustet den Staub ab und schon kann’s losgehen. Bitte hinten anstellen, jeder nur eine Knarre. Wenn wir eines in der Schule gelernt haben dann das: Geschichte ist ‘ne Ringbahn.

Dieses völlig pervertierte Gesellschaftssystem, in dem wir vor uns hindämmern (Richtung Tod oder Hartz-4, je nachdem was zuerst kommt), funktioniert doch überhaupt nur, weil wir es möglich machen. Ich, du, er, sie. Wir und unsere Gier. Je länger wir die Großkonzerne mit unseren Shopping-Touren am Leben erhalten, desto länger werden wir Junkies dieser börsennotierten Vampirshorde sein. Diese Kriege sind Ressourcen-Kriege, egal in welch verlogener Verpackung sie uns verkauft werden. Dabei geht es nicht um irgendwelche Ressourcen, sondern um genau die, die dann aufgekocht in unserer Spritze landen. In unseren Venen.

Kein Land in Sicht? Weiß nicht… Ich halte es für durchaus möglich, dieses System abzulösen: Für den Anfang genügt einer kleiner Schritt, den jeder gehen kann.

Von Ich zu Wir.

Scheinbar kapieren das immer mehr Leute, denn überall entstehen ernstzunehmende Alternativen zum fremdgesteuerten, stupiden Konsumverhalten. Verleihgeschäfte, private Car-Sharing-Ringe, dezentralisierte Social-Networks, Genossenschaftsbanken, Selbstverlage, Crowdfunding, offene Reparaturwerkstätten und so weiter. Die Liste wird immer länger.

Wer weiß, vielleicht sind wir doch noch nicht am Arsch.

In diesem Sinne,
Steinbart

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Profisport

Samstag in Berlin. Heimspiel. Die röhrenden Herren in Blauweiß haben das Schienennetz unter ihre Kontrolle gebracht und jetzt bleibt mir nichts als die Aussicht, mal wieder nach Neu-Westend zu kommen. Im Sonderzug. Scheiße. Gegen Fußball habe ich nichts. Kann mich sogar erinnern, wie ich selber mit ein paar Sportsfreunden einem halbschlappen Ball hinterhergehetzt bin, den wir unterwegs gefunden hatten. Irgendwo in Rixdorf war das, kurz vor Tagesanbruch. Gehetzt ist auch etwas übertrieben. Genaugenommen war ich in dieser Nacht derart verstrahlt, dass der weibliche Trainerstab keine andere Möglichkeit sah, als mich ins Tor zu stellen. Rückblickend betrachtet war dies, sowohl aus strategischer als auch gesundheitlicher Sicht, die einzig richtige Entscheidung. Auf dem Spielfeld hätte ich ohnehin nur Unfug angerichtet. Eine solide Berliner Laterne, die einem Mann in meinem Zustand ausreichend Schutz und Stabilität spenden konnte, stellte den einen Torpfosten. Wo sich der zweite befand, verriet man mir erst nach der Partie.

Ich glaube kaum, dass die 22 Millionäre, die heute Nachmittag auf dem kunstlichtdurchfluteten Rasen des Olympiastadions um den Bonus kämpfen, auch nur halb soviel Spaß haben werden. Und wenn ich mir das Pack Hyänen angucke, das uns als Spielerfrauen verkauft wird, dann frage ich mich, ob die Typen überhaupt jemals was zu lachen haben.

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Seltenheims Marktwert

Wenn ich heute gefragt werde, wie es mit Seltenheim so läuft und als Antwort erstmal ratlos glotze, folgt in den meisten Fällen die Spezifizierung …also so verkaufstechnisch…? Als wäre die Frage an sich nicht schon daneben genug, wird sie häufig noch von einem konspirativen Augenzwinkern begleitet. Du weißt schon… Na klar, ich weiß. In diesen Zeiten, wo jedes Glück sein Preisschild trägt, geht eben nichts mehr ohne Marktwert. Das ist okay, leck mich am Arsch, der nächste bitte.

Ein Kohlemotor ist kein guter Motor für jemanden der vorhat, einen halbwegs anständigen Roman zu schreiben. Jenseits der moderaten Temperaturen springen diese Fehlkonstruktionen gar nicht erst an und wenn man so eine Karre dann doch mal zum Laufen gekriegt hat, ist man gut beraten, auf den asphaltierten Wegen zu bleiben. Sobald das Gelände etwas ruppiger wird, ist nämlich Feierabend. Zerfressene Zylinder, geplatzte Getriebe, seitenweise Material für die Tonne. Was folgt ist die nächtliche Suche nach einer Notrufsäule. Das Bild wird unscharf und über dem Dschungel ertönt die rauhe Stimme der Leidenschaft.

Das nächste Mal lieber gleich ein Fahrzeug
von
Lust, Wut & Wahnsinn

Titel und Ende. Als ich Seltenheim geschrieben habe, hatte ich ein eiterndes Geschwür im Hals und ein zweites im Herzen. Jetzt geht es mir besser, danke der Nachfrage.

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Eine Zehntelsekunde

Mitternacht trägt meine beste Verkleidung: Ein gestreifter Anzug aus geschliffenen Worten. Ich drehe die Sensoren auf bis Anschlag und schiebe meine Hände voraus ins Stockfinster, hoffe auf warmes Fleisch und finde nichts als mich selbst – im festen Griff eines hochgeschlagenen Kragens.

Eine Zehntelsekunde. Stille in Obsidian. Niemand hat eine Ahnung, was diese Bilder mit uns tun.

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Mein Gierlappen

Ist mal wieder Zeit zu sterben, muss sich der Regisseur gedacht haben. Eine schmerzlose, fast angenehme Auflösung in einen Schwebezustand. Keine Vergangenheit, die an mir vorbeizieht. Nur ein langatmiges Ausatmen… Plötzlich stehe ich mitten im Zimmer, es ist kurz vor vier, stockduster und ich weiß weder, wer ich bin noch was ich in dieser runtergekommenen Bude mache. Schweißgebadet versuche ich herauszufinden, ob ich nicht wirklich gestorben bin und mich jetzt in so einem parallelen Dingsda rumtreibe. Ich rufe die Kleine mit dem Sonderbusen an. Es klingelt x-mal, dann spreche ich mit ihrem Automaten. Ich steckte in einer moderaten Lebenskrise, ob sie mich vielleicht zurückrufen könnte.

Mit dem nackten Arsch auf dem Bett und den Ellbogen auf den Knien glotze ich in das kleine Fenster meines Telefons. Als das Licht darin erlischt, stellen sich meine Nackenhaare auf. Plötzlich klopft es an die Wohnungstür. Ist ja zum verrücktwerden. Draußen steht ein Arschloch mit Pudelmütze und Bart und einem Einkaufswagen voll toter Fische. Weiter unten klappern hohe Absätze über den Treppenstufen. Klappern aufwärts. Hallo Steinbart. Hallo Nutte. Das sind dann 28,40, sagt ein Fisch und drückt mir die Broschüre seines feuchten Unternehmens in die Hand. Zehn Prozent auf die nächste Bestellung.

Ich hocke mich an den Schreibtisch und tippe neunhundert geschweifte Klammern, hundert in die eine und hundert in die andere Richtung. Nach der letzten Klammer spuckt der Schlitz neben dem optischen Laufwerk einen Schein aus, der gerade groß genug ist, um darin den Fisch einzuwickeln und die Frau sagt: Du langweilst mich zu Tode.
Bill Hicks sagte peng-peng und starb daran.
Sonderbusen ruft zurück und rät: Wenn du echten schriftstellerischen Erfolg haben willst, schreib mal was über verfolgte Minderheiten. Schwule, Zigeuner und so’n Zeug. Oder den Holocaust. Weißt schon, den mit den Juden.
Arschloch macht den Abgang und die Frau sagt: Du langweilst mich zu Tode. Sie ist immernoch nicht nackt.

HUIIII macht der schwarze Afghane.
OOOH SCHEISSE macht mein Gierlappen.

Sergej zieht meinen leblosen Körper an den Füßen durch die Bude. Bastet hüpft um ihn herum und kreischt: Langsam Mann! Du reißt ihm ja die Beine aus! Die anderen Partygäste drehen angewidert den Kopf zur Seite.

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