Trägermaterial

Ab heute im Umlauf: Die Karte für deine nächste Liebeserklärung. Zwei- bis vierdeutige Fotografie vorne, zwanzig prozentiges Grau hinten. Kann und sollte man mit schönen Worten überschreiben. Die Promoterinnen erkennt man an ihrer Anmut, ihrem Rythmusgefühl und den Stecknadelpupillen. Sie halten sich vorwiegend in dunklen Seitenstraßen oder rechts und links der Lautsprecher auf. Das Codewort heißt “Jagdsaison”. Und immer schön freundlich, sonst gibt’s gar nichts.

 

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Heimspieler

Ich sitze an der Soll-Seite eines fremden Schreibtisches, trage meine beste Verkleidung: Nadelstreifen in braun, weißes Hemd, braune Krawatte. Die Klimaanlage läuft am Anschlag. Zwischen mir und der jungen Frau gegenüber liegt der Stapel Papier, den ich zu unserem Treffen mitgebracht habe und seit etwa zehn Minuten taumelt diese junge Frau von einem Lachkrampf in den nächsten. Zwischen den Attacken hält sie sich ein Taschentuch unter die Augen und fängt damit die Tränen auf, die ihr sonst schwarz über ihre knallroten Wangen rennen würden. Jedesmal, kurz bevor sie sich im Griff hat, geht wieder es von vorne los. AHAHAHA!!! Mittlerweile sind einige ihrer Kollegen aufgestanden und haben kleine Grüppchen gebildet, die in unsere Richtung spekulieren. Nachdem die letzte Welle durchgerollt ist, räuspert sich die junge Frau ein paar mal hinter ihrem verschmierten Taschentuch.
Nein, sagt sie schließlich. Tut mir leid, aber das kann ich wirklich-

Weil ich zu schnell aufstehe, kippt der Stuhl hinter mir polternd auf den Boden. Ich lasse ihn liegen, packe meine Papiere in eine abgeranzte Tüte und wünsche der jungen Frau noch einen schönen Tag. Niederlagen an fremden Schreibtischen gehen mir am Arsch vorbei.

 

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Die Frau des Soldaten

Zusammen mit ein paar müden Pendlern steige ich aus der Regionalbahn und halte Ausschau nach der Frau des Soldaten, die ich nur von garten3.jpg und garten9.jpg kenne. Bikinifotos, die mit der vierten oder fünften Email kamen. In der ersten nur ihr Geständnis: Also normalerweise spreche ich ja über solche Sachen nicht… wie soll ich sagen… ich habe es mir ein paar mal selber gemacht, nach dem Alphabet. Aber dass du jetzt bloß keinen falschen Eindruck von mir bekommst ;) Überhaupt nicht, schrieb ich zurück, ich finde das sehr löblich.

Während der kurzen Fahrt durch das Dorf höre ich mir ihre Geschichte an. Heirat mit neunzehn, einen Monat später zog er in den Krieg. Nach weiteren drei Monaten erklärte er ihr, dass er nicht mehr derselbe sein würde und reichte die Scheidung ein. Per Email. In derselben Nacht begegnete er in einer Wolke aus Staub und Blut einem arabischen Mädchen, dass ihn fragte, ob er ihre abgerissenen Arme gesehen hätte. In ihrer Stimme schwingt die Gleichgültigkeit mit, die großen Schmerzen folgt.
Er wohnt jetzt in einem psychologisch betreuten Wohnprojekt, irgendwo in Süddeutschland.
Hast du ihn besucht?
Letztes Jahr einmal. Furchtbar… Ich habe ihn nicht wiedererkannt. Seine Augen hatten jeden Glanz verloren. Er hatte wirklich tolle Augen, weißt du, also früher… Aber jetzt gab es überhaupt nichts mehr… kein Gefühl… nicht mal eine Erinnerung daran, nichts… Ich frag mich, was die sich bloß dabei denken? Man kann doch diese Soldaten nicht erst ein bisschen morden und totschlagen und Schlimmeres machen lassen und anschließend wieder in den Alltag integrieren als sei nichts gewesen. Ernsthaft… Das sind keine Menschen mehr, verstehst du? Die sollten in ihrem Krieg bleiben bis sie selber irgendwann sterben. Wäre das Beste für sie und für uns auch. Ich weiß wie das klingt, aber du hast ihn nicht gesehen… er ist ja schon tot.

In der Küche stehend beschließen wir, direkt ins Bett zu gehen und die nächsten drei Tage mit Händen, Zungen und Zähnen gegen die Unmöglichkeit dieser Welt zu kämpfen. Mit allem, was wir sind und sein können. Mit allem, was uns einfällt. Auf dem blankpolierten Herd hinter der Frau des Soldaten steht der kalte Rest einer einsamen Mahlzeit. Zwei Löffel Rotkohl, drei Kartoffeln, ein halbe Roulade. 18:45 sagen die großen Zeiger über der Tür. Irgendwo in der Nachbarschaft bellt ein Hund.
Bitte bring mich hier weg, sagt sie und lädt dabei ihr ganzes Leben auf die nach oben gekehrten Handflächen.

 

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Schleichende Demenschlichung

Die letzten Liebenden saßen im schwindenden Tageslicht auf einer Parkbank, weit weg von den großen Wegen. Beide waren längst jenseits der sechzig und der Mann hatte die Beine übereinander geschlagen und einen Arm auf die Lehne gelegt. In diese offene Seite schmiegte sich seine Frau, so ganz und weich wie Wasser in eine Jade-Schale. Ihre Augen waren geschlossen, die Gesichter der Restwärme zugewandt. Sie trieben mit weit ausgestellten Segeln vor der warme Brise ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Für einen Augenblick war mir, als könnten die Beiden auf ihrer Bank nur eine Statue sein. Ein altes Kunstwerk. Sogar die Bäume staunten.

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Rundschau

Das Periskop durchbricht die Wasseroberfläche für eine schnelle Rundschau und zieht sich anschließend wieder zurück. Hier unten ist es still, nichts zu hören von dem schlechten Wetter an der Oberfläche, von den Stürmen und dem quer fliegenden Wasser. Hier unten bleiben die Vorhänge zugezogen, helle Nächte vermischen sich mit dunklen Nächten. Mein Kopf liegt weich auf deinem Arsch.
Ist dir eigentlich klar, dass die Menschheit sämtliche Charakteristiken eines Virus aufweist?
Verschone mich.
Im Ernst! Und weil unser Wirt so langsam in die Knie geht, sehen wir zu dass wir einen neuen finden. Der Mars ist zwar-
Bitte! Kümmer dich lieber um meinen Hintern.
Wir passen überhaupt nicht auf diesen Planeten. Unser Verhalten ist völlig unnatürlich.
Nein warte, ich drehe mich um… machs mir mit der Zunge, ja?
Uns-
Schhht… oh ja, das ist gut. Mein Gott hör bloß nicht auf damit…

Zwei transparente Menschen im sanftblauen Leuchten ihrer Körper. Falls das Leben tatsächlich einen Sinn haben sollte, dann kann es nur die Hingabe sein.

 

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Hormon Elektra

In meinem Traum war ich ein Kind und bekam eine Floppy-Disk mit Schmuddelbildern von einer schönen Frau geschenkt, die auf meiner Bettkante saß und mich streichelte.

Keine Ahnung, ob Tage besser anfangen können.

 

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Der Lärm der Visionäre

Im Land der Wünsche und Wäre herrscht großer Andrang vor der vergitterten Tür im ersten Stock, an der in großen Buchstaben ALLE KÜNSTE steht. Der Nummernautomat daneben muss zweimal täglich nachgeladen werden und der Laden ist wie immer gerammelt voll mit ambitionierten Machern, denen auf dem Weg zu ihrer kreativen Höchstform nur noch das ein oder andere Formular fehlt. Viele von ihnen waren so oft hier, dass sie ihre Sachbearbeiter duzen dürfen.

Das kann was werden heute… die Angela ha’m se jetzt in Mutterschaft geschickt und der alte Erwin ist ja auch nicht da… ist jetzt schon fast zwei Wochen krankgeschrieben. Hat die Scheißerei. Bin echt mal gespannt, wie die das mit der Unterbelegung hier schaffen wollen…
Die Fette mit dem Muttermal auf der Nase ist schwanger? Das kann doch nur ‘n schlimmer Unfall gewesen sein.

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Selbstportrait um halb sechs

Heute bin ich großartig: Mit dem ersten Licht aufgestanden um zu schreiben. Kaffee und Zigarette auf dem Balkon mit Blick in die stille Straße. Den riesigen Schädel voll hübscher Verstrahlung und ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Zweieinhalb Seiten später stehe ich wieder da draußen, gerade in dem Moment, als die Sonne über das gegenüberliegende Dach kriecht und mir voll ins Gesicht knallt.

Ich habe einfach Schwein, das ganze Leben lang schon. Den Kopf im Text, der Tanz im Minenfeld. Mir ist in dem Moment fast einer abgegangen.

 

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Wetten

Kein Schwein im Wettbüro um diese Zeit. Der dicke Araber hinter der Theke guckt einen Film auf seinem Telefon, die Monitore an den Wänden ringsum liefern stumm ihre Ergebnisse ab. Ich hole meinen Schein aus der Tasche und streiche ihn glatt.

LX — Steinbart vs Steinbart — X–O–O || 3,89–X–3,89 – A

Es gibt keinen Trick bei diesem Spiel. Eine gewisse Leichtigkeit hilft, aber einen Trick gibt es nicht. Am Ende des Tages ist es immer die Stadt deiner sogenannten Werte, in die du einreiten musst, die du plündern, abfackeln und aus der Asche wieder aufbauen musst.

Ich stecke mir die gewonnene Freiheit in die Tasche, lösche das Wettbüro und den dicken Araber und mache mich ans nächste Kapitel.

 

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Das letzte Zimmer

Was Prof. Dr. Buttplug im letzten Zimmer sagte, bevor er aus der Geschichte flog:

“Was ich von dir will? Ich will einem Bericht, der ALLES enthält! Präzise Angaben zu sämtlichen physischen und psychischen und sonstigen Reaktionen… ich will jeden deiner versauten Gedanken haben, und zwar im Klartext! Keine Stimmungsbilder oder so’n vagen Schwachsinn. Ich will den vollständigen Reisebericht! Mit Zeit- und Ortsangaben auf die ich mich verlassen kann! Man, ich BIN FORSCHER!!!”

Naja. Jetzt nicht mehr.

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