Warum ihr miserable Leser seid

und
warum ihr nichts dafür könnt
und
eure Erleuchtung reimt sich auf Bühnenbeleuchtung.
*

Lesen heißt Lernen, könnte das Bundesministerium für Bildung und Propaganda in seiner aktuellen Ausgabe titeln. Von Kindheit an wird uns eingetrichtert, dass wir das, was wir lesen, gefälligst auch zu kapieren haben. Sonst sind wir nämlich blöd. Finden wir heute also irgendwo eine Kette aneinander gereihter Worte, versuchen wir reflexartig, diese zu verstehen. In anderen Bereichen der Kunst haben wir es längst aufgegeben, verstehen zu müssen. In der Musik haben wir es gar nicht erst versucht. Die darf direkt ins Unbewusstsein marschieren ohne das der Türsteher Verständnis auch nur mit der Wimper zuckt. Doch in der Literatur bleibt Kognis König und wer so schreibt wie Pollock rotzt, wird nicht gelesen. Zu experimentell.

Erleuchtung hat nichts mit Verständnis zu tun. Erleuchtung ist Erfahrung und Erfahrung ist Realität. Der Rest ist ein komplexes Netz aus Symbolen, die sich gegenseitig referenzieren und die als Ganzes unser Glaubenssystem ausmachen.

Erleuchtung ist, wonach wir suchen. Eine Antwort auf die Frage ob, warum und wer wir sind und was diese Realität eigentlich ist. Ich habe da vielleicht ein paar brauchbare Ansätze für euch. Aber dafür braucht es einen anderen Rahmen als diese Seite, andere Wege der Kommunikation als geschriebenes Wort.

Ich arbeite dran.

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Charakterstudie

Auszug aus meinem Merkblatt für Spirituelle Selbstverteidigung.

Der Charakter präsentiert sich in zwei Erscheinungsformen: Die eine berühmte Form, über die sich oft und gerne das Maul zerrissen wird, bei einem Bierchen und üblicherweise unter Ausschluss des Betroffenen. Diese Form manifestiert sich in den Handlungen und Worten der entsprechenden Person (seinen sogenannten Verhaltensmustern) und wird gerne als Grundlage für Einschätzungen verwendet. Da Handlungen und Worte jedoch einigermaßen frei gewählt und damit willentlich manipuliert werden können, kommt es bei solchen Einschätzungen immer wieder zu unangenehmen Überraschungen (Also das hätte ich ihr niemals zugetraut… aber er war doch so ein netter Nachbar, so unauffällig… du gottverfickter Wichser, etc.).

Dann gibt es da noch eine zweite Form, die ich den Spirituellen Charakter nennen will. Der spirituelle Charakter ist für uns in unserem derzeitigen Entwicklungsstadium unsichtbar. Und doch gibt es da diese Ahnung, zum Beispiel wenn wir sagen, dass wir jemanden nicht riechen können, oder dass die Chemie nicht stimmt. Trotz ihrer vagen Natur kann diese Ahnung Einfluss auf unser rationales Verhalten nehmen: Den Fühlern unter uns ist es unmöglich, mit jemandem in die Kiste zu steigen, den wir nicht riechen können. Das schöne an diesem Spirituellen Charakter ist, dass genauso wenig, wie wir ihn wissenschaftlich nachweisen oder gar erklären können, können wir ihn willentlich manipulieren. Nein, da reicht das Ego nicht ran mit seinen kurzen Armen. Auf der geistlichen Ebene kann dir also niemand was vorturnen. Und das macht den Spirituellen Charakter zu einem unglaublich sicheren Sensor für alle möglichen Entscheidungen des Lebens.

tl;dr: Verlass dich auf deine Intuition. Du hast sie nicht umsonst.

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Unter dem Mond von Palermo

Die Straßen waren feucht vom früh abendlichen Sommerregen und Markus ging müden Schrittes die Via Vongola entlang. Nach dem langen und unruhigen Flug stand ihm die Erschöpfung buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Wieso habe ich mir kein Hotel in der Nähe der Tagungsstätte geben lassen?, fragte er sich zum wiederholten Mal. Doch eine Antwort darauf fand er nicht. Der Flug hatte Verspätung, sein Gepäck war unauffindbar und alles, was ihm nach dieser Tortur geblieben war, waren die Kleider die er trug, seine Geldbörse und sein Handy. Als ihn plötzlich ein Fußball mit aller Härte am Kopf traf, drohte er den Verstand zu verlieren. Der Junge, der den Ball geschossen hatte, kam atemlos aus einer Seitenstraße gerannt und schien sich sofort entschuldigen zu wollen. Immer wieder schlug er die Augen nieder und murmelte etwas auf Sizilianisch. Markus verstand ihn nicht. Doch beim Anblick dieses unschuldigen Jungen konnte er unmöglich weiter böse sein. Und eine Standpauke hätte der Bengel sowieso nicht verstanden.
„Schon gut“, sagte Markus und zupfe das schweiß getränkte Hemd von seinem Körper, um sich so etwas Kühlung zu verschaffen. „Aber beim nächsten Mal passt du besser auf. Sonst nehme ich dir deinen Ball weg!“

Dann setzte er seinen Weg fort und träumte davon, wie er selber dem Fußball nach gejagt war. Über dreißig Jahre war das nun her. Mittlerweile war seine zweite Ehe gescheitert und erst kürzlich hatte er bei der morgendlichen Rasur die ersten grauen Bartstoppeln entdeckt. Erschöpft und verloren setzte er seinen Weg durch die abendlichen Straßen dieser mediterranen Metropole fort. Der an sich fröhliche Lärm, der südländischen Städten eigen ist, deprimierte ihn heute jedoch zusätzlich. Trotz seines immer noch durchaus vollen Haares und des trainierten Körpers fühlte sich Markus in diesem Augenblick sehr, sehr alt.

Die Hotelfachangestellte begrüßte Markus mit einem freundlichen Lächeln.
„Dr. Markus Fonter?“, fragte sie. „Der Dr. Markus Fonter?“ (mehr …)

Frühstück bei Schreibers

Steinbart stolziert durch den frischen Tag, zurück in die gute alte Stube (wie JJ, das Mal aus Malleus Maleficarum: Wir werden alle ein böses Ende nehmen. Singt: Was für ein Ende-he-he?) Im Klo auf halber Treppe zweiter Stock steht, bei vollständig geöffneter Türe, eine junge Dame mit Hose und Schlüpfer in den Kniekehlen. Ihr Mund kann nicht reden und ihre Pussy sieht aus wie ein menschlicher Schmetterling.

Guten Morgen Schmetterling! und egal, keine Fragen, keine Antworten. Weiter die Treppe hinauf. Ein bisschen atemlos, ziemlich verschwitzt. Nächste Etage dann

Alter ich geh Arzt.
Guten Morgen Musti! Hats dich also auch gerissen, ja? Ist die Seuche sag ich dir. Gute Besserung! Und immer schön Tee’chen, hörste?!

Weiter hinauf, weiter hinauf. Lunge hängt jetzt raus wie immer. Macht aber nichts wie immer. Saufoma gießt die Geranien im Fenster auf Halbertreppe Vier.

Guten Morgen Saufoma!
So ein Schlückchen hat bis jetzt noch niemandem geschadet.
Aber nicht vor dem Frühstück! Damit du mir noch lange erhalten bleibst! (Charakteristisch hier die geradezu panische Angst vor neuen Nachbarn)

Zehntausend Stockwerke in dieser Zeile.
Zehntausend in dieser hier.
Dann Schlüssel raus, er hat’s geschafft. Einmal rum und noch einmal. Reaktorkammer leer. Steinbart trixt die Tür mit der Hacke zu (bumm!), hängt die Schrecken seiner Haut an den Haken im Flur und zieht die Puschen an. Schrippen fliegen Richtung Küchentisch. Dann setzt er einen Mokka auf und eine Kippe in Brand.

Ficki Facki Frühstück.

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Alchemie

Deine Behandlung ist ein weiteres Einsatzgebiet meiner Träume.
Zieh dich endlich aus, sagt die vertraute Stimme des vertrauten Mädchens.

In den Randgebieten von Punta Massima City. Ein voller Mond mit Hof ist vorhin aufgegangen und strahlt durch die lautlos tanzenden Vorhänge in das schweißgetränkte Zimmer. Es herrschen immer noch einunddreißig Grad Celsius. Wir sitzen nackt und nebeneinander auf dem Bett und beobachten die Geschehnisse im Fenster auf der anderen Straßenseite. Das Zimmer dort ist wie jedes Zimmer hier: die hoch hinaufreichenden Wände sind weiß und ungeschmückt, ein Bett und eine Kommode, getrennt durch eine Stehlampe mit staubigem Schirm, durch den ein schwaches braunes Licht dringt. Die junge Asiatin steht aufrecht vor der Kommode, auf die sie vorhin mit höchster Sorgfalt ein kleines, schneeweißes Kissen gelegt hat. Die Frau ist außergewöhnlich groß gewachsen und sehr schön anzusehen, das Haar Obsidian und frisch gewaschen. Ihr Kimono liegt wie ein nasser Stein an ihrem Körper. Sie steht bewegungslos da, den Blick geradeaus an die Wand geheftet.

Wir warten. Meine Stimme ist leise.

Kehren wir für einen Augenblick zurück.
Zusammen, ja…

Ich setze voraus, dass der Leser eine grundsätzliche Vorstellung davon hat, welches Ziel die Alchemie tatsächlich hatte, beziehungsweise welches Ziel die Alchemie bestimmt nicht verfolgte. Nämlich den Stein der Weisen zu finden. Jene Formel, die es ermöglichen sollte, aus einem Haufen Scheiße einen Haufen Gold zu zaubern.

Fotzenkotter. (mehr …)

Bonkers

Die Bude auf das Dreifache ihrer Größe gebläht und ich mache den Auftritt, entnehme die Klinke einer anderen Hand und presse mich in den länglichen Korridor ans Ende der Schlange der angesagten Nachzügler. Homeparty und es ist so voll, dass alle Gäste zu flacher Stoßatmung gezwungen sind. Kondensat an den Wänden, auf Gesichtern, Bierflaschen. In der Küche spielt ein bärtiges Röhrenhosen-Duo seelenlose Musik auf akkustischen Instrumenten, versucht sich an Tiefgang, irgendwas mit Psy im Namen und Krishna… weiter. Gesichter, die ich kenne und küsse, dazwischen andere. Mitte Korridor dann der Crossfade, hin zu Laut & Elektrisch. Ein Kugelblitz aus lachendem Gekreische zittert irgendwo da vorne, kann nichts sehen… wird das geil…
BIER? frage ich ein bekanntes Gesicht und der Blick weist voraus, Richtung Epizentrum. Schieben, kannichma, sorry… Im Dancefloor angekommen treffe ich Bonkers aus den Boxen, kann gar nicht anders und drehe umgehend lose, mittenrein, tanze den Húlà.
BIER? kreische ich und A heavy bassline is my kind of silence-
KEIN BIER!!!
WAS?!?!?!
Tatsächlich: Der Kühlschrank ist leer und traurig. Mit einer tragischen Geste lasse ich die Kühlertür zufallen und mein Kinn auf die Brust. Es ist wahrlich zum heulen. Cocktails rundherum, bunte Fingernägel. Aber kein Bier. Wohl Zeit für meine Nummer. Ich springe auf die Tafel, mache einen Purzelbaum über die Gesamtlänge des Tisches und stehe den Abgang sicher. Mit dem Rücken zum Publikum hebe ich langsam die Arme in die Figur Messias IV.
ICH WERDE BIER HOLEN! verkünde ich dem Volke.
Alles grölt, besonders, was Hoden hat.

Brauche zehn Minuten für den Flur. Das macht einen Meter die Minute. Dann bin ich raus. Unbekanntes Viertel. Ein Schwuler hat sich an meinen Arm geklemmt und zerrt mich in ein Einkaufszentrum auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Plötzlich sitzen wir an einer Bar, alles glänzt und teuer. Huch?
Jetzt wollen wir zwei uns erst mal richtig einen genehmigen, nicht wahr?
In langstieligen Gläser blubbern rosa Universen mit Olive. Ich lerne: Je teurer der Laden desto Sklave der Mischermann. Unser Exemplar ist der vollkommene Devot und verbeugt sich derart tief, dass er sich den Schädel an der Spüle einschlägt.
Alter, sage ich. Mensch!

Raus und weiter die Straße runter, kein Späti kein Garnichts. Schlage eine Richtung ein, dann eine andere. Fehlanzeige leuchtet über allen Versuchen. Fußgängerzone. Inzwischen taghell. Setze mich auf die Bank einer sogenannten Bierzelt-Garnitur und zeichne mit einem Bleistift irgendwelchen Zufall in die Innenseite eines gefalteten Papiers, nur so aus Langeweile, bis der Kellner kommt und mich vor der drohenden Ernüchterung rettet. Niemand kommt. Nur ein paar Passanten, die neugierige Blicke über meine Schulter werfen und wissen wollen, was ich da mache. Ich klappe das Papier zusammen, und mache eine Geste, wie um Tauben zu verscheuchen während sich ganz von selber auf der Oberseite des gefalteten Papiers krakelige Striche bilden. Ein Wunder! Jetzt sind da schon eine ganze Menge Passanten, die da hinter mir stehen und wissen wollen, was abgeht und ich sehe mich gezwungen, das Papier aufzuklappen um ihnen die volle Pracht meiner Symbole in die Fressen zu schleudern. (mehr …)