Selfie mit Falter

Mit einem schmutzigen Weinglas fange ich den Nachtfalter ein, der an der Kalkwand neben meiner Schreibtischlampe klebt wie ein trockentotes Exemplar über lateinischem Namen. Ich schließe den Käfig mit meiner Handfläche und rede mit sanfter Stimme auf den panischen Flattermann ein. Mach dir keine Sorgen, mein kleiner Scheisser, ich werd dir nichts tun, ich will nur ein bisschen Gesellschaft, usw. Da wird er ganz entspannt, setzt sich auf den Boden seiner neuen Zelle und schaut mich an. Zusammen gehen wir auf den Balkon. Die Nacht ist ein verschwitztes Schwergewicht. Irgendwo bellt eine Sirene, sonst herrscht absolute Windstille. Während ich mir in aller Ruhe eine Zigarette drehe, krabbelt mein neuer Freund rauf zu den Lippenstiftspuren. Am Rande seines Käfigs angekommen, trifft er jedoch keinerlei Startvorbereitungen. Er scheint zufrieden mit der Tatsache, dass er jederzeit abhauen könnte. Vielleicht hat er seine Gefangenschaft auch bereits vergessen. Seine Stimme jedenfalls klingt wie die eines tiefenentspannten Berliner Nachtfalters.

Damenbesuch jehabt, hm?
Jupp.
Und? Habta jetackert?
Neee…
Warse hübsch…?
Jupp.
Blond?
Neee…
Mensch, nu lass dir doch nich alles aus der Nase ziehen…

Wir quatschen noch den halben Weg zum Morgengrauen. Er erzählt mir von seiner geilen Zeit als Puppe und den gesetzlich geschützten Fledermäusen, die jetzt, da er quasi erwachsen ist, zu einem Albtraum geworden sind.

Da haste ja kaum noch ne Chance als Falter… Dit sind einfach zu viele jeworden, seit ihr die auf eure Fast-Ausjerottet-Liste jesetzt habt.
Damit hatte ich nichts zu tun.
Ach stimmt ja, bei euch ist ja imma icke und der da und die da… Indivandualismus, wa? Kapier ick nicht… ihr seid doch eh allet ehn Jemüse, Mensch. Rafft ihr dit nicht oder wollt ihr dit so?
Individualismus heißt das.
Soso. Naja… druff jeschissen. Ick mach ma los jetze…

Kurzes Fühlerfechten, Flügelstrecken und dann hebt er ab, mein kleiner Freund.

He warte mal!!! rufe ich bevor er in den Rest der Nacht schießt. Wohin seid ihr eigentlich geflogen, bevor es Glühbirnen gab?!
Haha… der Witz hat ja schon soooon langen Bart. Zur Sonne Alter, ZUR SONNE!

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Akustisches Inferno

Seemanns Hände sind die Ruhe selbst, als er ansetzt und seinen Schnitt in die Zeit macht, die hinter dem Skalpell aufklafft wie eine jod-bemalte Bauchdecke. Na wunderbar ist alles, was mir dazu einfällt. Wir anderen stehen rum, atmen selbstverständlich, warten auf den Tod. Seemann ist weiter. Er steckt beide Hände in das glibberige Chaos und zieht ein Stück Stillstand raus, glänzender als alles, was ich bisher gesehen habe. Seine Stimme ist nicht mal ein Flüstern.

Für mich gibts da nichts mehr zu holen. Ich bleibe hier.

Dieser gottverdammte Schweinepriester… Der kann sowas machen.

Ich nicht. Wir schalten live in die folgende Nacht, mitten rein in den Klumpen chemisch aufgetakelter, zuckender Körper. Der Laden platzt. Im rammelvollen Hinterzimmer machen sich vier Amerikanische Touristen über ein flachbrüstiges Erstsemester her. Geruch von verschwitzten Körperfalten liegt in der Luft. Tapeten aus Teppich. Alles Orient und kein Durchkommen. FAUN! schreit etwas von links über den gedämpften Beat. Ich latsche auf ein vollgespritztes Gummi, stelle mich quer und drücke mich an einer Blondine vorbei. WAS? Dampfende Leiber, massive Luft, trübe, schwer und unendlich laut. Ganz nebenbei lässt ein weiterer fetter Neger die Hose runter und hält dem stöhnenden Zentrum der Aufmerksamkeit sein Ding vor die Nase… Blitzlichtgewitter, Stimmengewirr, Anfeuerungen und Ausrufezeichen und durch das akustische Inferno treiben die Lautsprecher nebenan den fettesten Bass, den die Stadt je gehört hat. Ich komme hier nicht durch, so oder so nicht. Hinter mir gellt ein spitzer Schrei durch die Luft, gefolgt von einem Jaulen. Eine Lehrkraft aus Oberbayern hat aus Neugier oder Harndrang den Vorhang durchbrochen. Sie ist zu Besuch bei ihrer Nichte und dieser völlig überraschende Sneek-Peek in die Hölle höchstpersönlich wird sie für den Rest ihres oberbayrischen Lebens heimsuchen. O HEILIGE MUTTER MARIA! Ich piss mir gleich in die Hose… Kann ich da mal durch verdammt nochmal? Der pechschwarze Schwanz steht waagerecht in der Luft, zuckt wartend auf seinen Gebrauch, plötzliches Gejohle aus irgendeiner Ecke, in der illegale Hundekämpfe abgehalten werden… Kann ich mal durch?

Der bläst sich nicht von selber, Fotze!
Hehe…
Hehe…
Hehe…

Kann in dem ganzen Hack das Mädchen nicht mehr ausmachen, nur Männerärsche, behaarte Arschlöcher und behaarte Beine. Vielleicht gab es nie ein Mädchen, vielleicht haben die sie absorbiert. Mir stehts bis zum Hals als ich endlich die Klotür auftrete. Es stinkt nach Ammoniak und Scheiße und Sperma und Schweiß und Kotze und Kiff und weil sämtliche Kabinen dicht sind und die Pissrinne voll mit aufgequollenem Klopapier, hänge ich meinen Schwanz ins Waschbecken und lasses laufen, gucke nebenbei an diesem Körper runter: Sinnlose Arme und Beine, Torso wie eine wartende Knastzelle… Blick zurück nach oben in den Spiegel, in den Schädel, dessen Öffnungen mich plötzlich an die Schnäbel hysterischer Spatzen erinnern und der jetzt wieder mal die blanke Fickerei kriegt-

Scheiße Seemann, hier gibts für niemanden was zu holen.
Och, lass ma Schultern kreisen, mach dich locker, besorg dir ein Bierchen… achso, und falls du diesen Petrolarsch triffst, der hat bestimmt ‘n paar Stimmungsheber dabei.
Menschenskinders… kann ich ma…?
Sorry ey…
Skusi…
Hey…!
Ey…!
Ey…
Ey…
Läufts…?
schissen…
Hm…? Ah… beschissene Nummer… FUCK!!! Guck dir das an…
…wasn?
…sind das Glocken…
Hm…?
Im Gestreiften da…
Yeah… kenne ich… vergiß es…
Scheiße… hier…

Danke, Mann. Danke.

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Ich miserabler Selbstverkäufer

In mindestens einem der Bärte ist ein Loch und aus diesem Loch kommt eine Stimme.

Aber erzähl ma so, wovon handelt das Buch eigentlich?

Es ist kurz vor Sonnenuntergang in der Hasenheide, Guerilla Geburtstag mit Goa, Glanz und Grillfleisch. Alles läuft auf Anschlag und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die üppige Party von Rechts wegen aufgelöst wird. Aber niemanden kümmert das. Es gibt ein ordentliches Set, ausreichend Gras und Bier und ja, das Wetter ist auch vom Allerfeinsten. Etwas abseits der rhythmischen Segelflieger liegend hatte ich gerade beschlossen, trotz der Dezibel ein kleines Nickerchen zu machen, als sich die drei Bärte plötzlich und mit geradezu bedrohlichem Interesse an mich wenden. Einer von ihnen hält den Seltenheim in der Hand und blättert darin herum. Die anderen beiden setzen sich direkt vor meine Nase. Ich stecke knietief in der Scheiße.

Du hast das also geschrieben?
Ja.
Echtma? Wie geil ist das denn?! Mensch, erzähl doch mal, wovon handelt es denn?
Schwer zu sagen, sage ich.
Was ist es denn für’n Genre? Eher so Fantasy oder was?

Ein paar Mädchen entern lächelnd unseren kleinen Kreis und hocken sich zwischen die Bärte ins Gras. Ich kann die Unterhose der Hübschesten sehen und richte mich deshalb auf. Nach einem Blick in die Runde stelle ich fest, ich bin umzingelt.

Also das Genre… ich-
Ist doch schon irgendwie ein Liebesroman, erklärt die Hübsche für mich, aber irgendwie auch nicht…

Ihre Nachbarin scheint das Ding auch gelesen zu haben. Vielleicht komme ich hier doch noch heile raus.

Sowas wie ein psychedelischer Liebesroman, würde ich sagen…
Und ab achtzehn…
Ne ist echt schön, lohnt sich auf jeden Fall…
Ziemlich schräg…
Und voll romantisch irgendwie…
Aber schon ziemlich speziell. Echt nicht jedermanns Sache…

Ich denke, dass ich etwas sagen sollte, doch für die Nummer mit dem Briefumschläger ist es bereits zu spät. Einfach die Schnauze halten? Wegrennen? Was würde Hamsun tun? Zwischen den Bäumen erkenne ich die weiß-grüne Wanne, die langsam auf uns zu gerollt kommt. Ich räuspere mich und warte den nächsten Break ab, bevor ich mit dem Finger Richtung Sonne zeige und die Stimme hebe:

Wo Tassen im Schrank nicht alle sind, viel Platz ist für anderes.

Damit stehe ich auf, klopfe das Gras von der Hose und warte, bis die Bullen mit ihrer Karre auf die Lichtung gerollt sind.

Nutzt den Platz!

Die Musik bricht ab und unsere Freunde und Helfer bekommen die Art von Applaus, die ihnen zusteht. Die Party ist gelaufen. Von den Bärten hat bis heute kein einziger ein Buch bestellt. Naja, vielleicht haben die’s nicht so mit Liebesromanen.

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Die Zählung der Gläubigen

Im Kühlbecken des Ausschusses haben sich feine Wellen gebildet. Die Stimmung ist angespannt. Fast acht Milliarden sogenannter Individuen und kein Schimmer, auf wessen Seite die stehen.

Wir brauchen einen Polarisator.
Einen weltbekannten.
Einen Superstar.
Nennen wir ihn Etzel.
Nennen wir ihn Edward.
Oh, Edward ist gut!

Und so wird der Gegenstand der weltgrößten Umfrage erschaffen, mit einer undurchsichtigen Vergangenheit ausgestattet und als sympathisch bebrillter Staatsverräter durch die Medien gejagt wie die Sau durch’s Dorf. Instant Volksheld. Er ist einer von der Sorte, von der sie selber gerne wären, ein quasi-Freund, der das System entlarvt hat. Der Mann vor’m Panzer. Uns Gandhi. Attraktiv, gebildet und glaubwürdig lächelt er aus allen international relevanten Magazinen und Reportagen heraus, führt seinen Mut und seine Selbstlosigkeit vor und bittet nebenbei die Bevölkerung darum, endlich Farbe zu bekennen.

Online.

Und die Welt klickt und tagged und shared und liked und nach ein paar Tagen schon liegen die ersten Hochrechnungen vor.

Also, wenn man die Wilden abzieht, liegen wir bei ungefähr Halbe-Halbe.
Gehts auch etwas präziser, bitte?
Aber sicher: Wir haben 39% bekennende Edwardianer, 48% stehen entweder auf unserer Seite oder scheißen auf Alles, was so ungefähr dasselbe ist. Der Rest kann sich keine Internetverbindung leisten.

Nach dem ersten Schock bricht ein kleines Durcheinander los. Jeder redet kreuz und quer. 39 Prozent?! Von Unerhört bis Untergang ist alles dabei. Erste Schuldige werden nominiert. Etwas Wasser schwappt über.

Meine Herren, meine Herren… ich bitte sie… ICH BITTE SIE!
Wir brauchen eine Maßnahme!
Eine weltweite Maßnahme!
Die totale Maßnahme!
Meine Herren, nun kommse mal klar! Es gibt überhaupt keinen Grund zur Unruhe! Die klicken doch bloß! Nur ein jämmerliches viertel Prozent der Edward-Groupies handelt. Ein bisschen Unfug mit Schildern und Zelten, nichts weiter… die Jungs vom Terror sind da schon dran… Also: Alles ist in bester Ordnung. So. Ich schlage vor, wir machen Feierabend für heute. Wer will, kommt mit runter an die Bar. Ich schmeiß ‘ne Rund ziviler Opfer. Und sorgt mir endlich einer dafür, dass auch die letzten Affen verkabelt werden, verdammt nochmal. Wir können uns keine Löcher in unseren Trends leisten.

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Dreihundert

Glückwunsch.

Zu dreihundert Texten, Fingerübungen, von denen ich einige als gelungen bezeichnen würde, andere dagegen als gescheitertes Weltraumtraining. Auch ich habe beschissene Tage, hin und wieder. Tage, an denen übliche Bedeutungen an den Worten haften wie Scheiße am Schuh. Tage, an denen es nichts Neues gibt, an denen Rot bloß Blut / Sonnenuntergang / Lippen (auf einem ansonsten schwarzweißen Foto) bleibt, statt Nacht zu werden oder sonst etwas, dass die grauen Mauern am Wort-Bild-Horizont bekleckern könnte. Muss noch lernen, an solchen Tagen nicht zu tippen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn die Erinnerung ans letzte Mal, wo’s gelaufen ist, verblaßt nicht so schnell. Die rast flackernd durch den Kopf wie eine Sternschnuppe. Und dann hockste da mit deiner verdammten Sucht und wartest und malst Titten und backst Scheiße, statt Diamanten zu kotzen.

Immerhin.

Dreihundert Einträge, darunter ein paar durchaus brauchbare Versuchsanordnungen für anthropologische Experimente und ein paar magische Blasen, die bei Berührung platzen und ihre Ladung freisetzen.

Liebes kleines Publikum. Danke für’s mitmachen.

Ihr Fachhändler in Sachen Wort

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Geparkt

Pluderhosen, über dem Knie zusammengebunden, bequem, leicht und sommerlich, handgefertigte Batikarbeit auf 100% reiner Baumwolle, für Sie und Ihn, 21,50. Sie hat sie und er hat sie auch. Dazu tragen die beiden Barfüße. Sie stellen ihre Northface Rucksäcke (Base Camp Hot Shot, 120,00 das Stück) ins Gras und werfen einen lächelnden Blick in das Rund des Parks. Er weiter: Schlichtes T-Shirt, handgepflückte Baumwolle aus ökologischem Anbau, purpurrot, 19,99. Sie darauf: Tank-Top Sphere/weiß, Fair-Trade, 15,00 (für jedes gekaufte T-Shirt wird ein Baum gepflanzt). Figurbetont kann auch als Tragik daherkommen. Ihr Fleisch ist lose.

Außer mir guckt keiner und ich gucke auch nur, weil der Rest der Welt außerhalb meines Schärfebereiches liegt. Mit entblößtem Bauch liege ich im Gras, das gesprenkelt ist mit Sommerschnee, schnaube Fusseln aus der Nase, schnaube und schnaube und lache ein verstrahltes Lachen. Seit Stunden bewegungslos. Weiß nicht.

Zurück zu Sudhir und Shankar, die außerhalb der regulären Öffnungszeiten Martin und Lisa heißen. Equipment möchte ausgepackt und spontan auf der Wiese verstreut werden. Die Sonne wird bald untergehen, die gute Lebensspendiererin. Sudhir hat für uns den Feuerdevilstick Fantasy dabei, ein wirklicher Allrounder mit Silikonbeschichtung für 38,40. Dazu zwei selbstbemalte Handstöcke aus Aluminium zu je 19,99. Er richtet seinen Körper nach Süden aus und legt sofort los. Shankar entscheidet sich, nach einem kurzen Moment mit Zeigefingerspitze am Kinn, für die Stageballs Moon mit einer beschichteten Oberfläche für zusätzlichen Grip, im Dreier-Set für nur 23,50.

Dreadlocken im Gegenlicht. Buntes Spielzeug, das durch die Luft fliegt und immer wieder auf dem Boden landet. Augen auf, Augen zu. Kein Lachen zu hören. Eine gespenstische Zirkusnummer. Augen auf. Shankar macht gerade einen hübschen Ausfallschritt, der das wahre Ausmaß ihrer Baumwollwindel voll zur Geltung bringt, und ihre Bälle landen ein weiteres mal im Gras. Sudhir lacht eine freundliche Belehrung. Er selber versucht sich gerade an einem neuen Trick, bei dem er den auf dem Boden liegenden Feuerdevilstick zwischen den Füßen einklemmt, dann mit einem Sprung in die Luft schleudert und schließlich mit den Handstöcken auffängt. Also, wenn er den Trick dann drauf hat.

Nach einer weiteren Minute Tiefschlaf liegt Sudhir auf dem Rücken und fotografiert mit seinem Telefon die einzige Wolke am Himmel. Dann noch ein schnelles Foto von Shankar, die jetzt auf schweres Gerät umgestiegen ist (Jonglierkeule Hipflip von Mister Bubule. Ergonomischer Griff und glitzernder Keulenkörper. Mit seinem ausgewogenen Flugverhalten für Anfänger und Profis geeignet. 17.00 das Stück. Im Dreierset für 40,00. Freie Farbwahl!). Spawn-Geräusch und unter dem Baum da hinten hockt plötzlich eine Blondine im Schneidersitz. Im Vordergrund folgt die grüne Keule ihrer Flugbahn und trifft Shankar voll an ihrem Scheitelchakra. Ein durchtrainierter Schwarzer mit entblößtem Oberkörper betritt die Szene. Er macht ein paarmal Yo Yo in Shankars Richtung und hält dann auf die Blondine zu.

Menschen Sonderbar, flüstere ich im Kreis. Ein bisschen Wasser ist noch in der Flasche. Das Nachbeben in meiner Magengrube ist rum und obwohl ich noch ziemlich verstrobt bin, stehen die Chancen für die letzte Etappe ins Bett gar nicht so schlecht. Könnte man versuchen. Könnte man versuchen…

Na nee. Wieder wach, Sonne weg. Fünf besoffene Atzen vögeln einen Fußball, einer landet dabei mit dem Arsch im Grill und schmeißt sich schreiend auf den Boden. Die anderen stehen rum und lachen.

Jetzt oder nie.

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190 Hertz

Ist das jetzt eine wahre Geschichte oder nicht?

Faltenfreie Haut auf klebrig heißen Laken. Es ist Süden, das Bett ist uns fremd und zwischen den Nummern hängen wir in einem Zustand des Abwartens fest. Akrobaten hinter dem Vorhang. Weitgereiste, durchtrainierte Körper, die den Trommelwirbel auswendig kennen und keinen Impuls mehr verspüren, ihn mitzusingen. Ich hatte gerade eine Offenbarung beendet.

Ist das jetzt eine wahre Geschichte oder nicht?
Keine Ahnung.
Was meinst du mit keine Ahnung?
Ich weiß es nicht. Wirklich nicht.

Unter dem plötzlichen Druck ihres Misstrauens fällt die ganze Szene zusammen. Ein kurzes, unterblutetes Absacken und dann geht sie los, die Demontage dieser Nacht. Es ist immer dasselbe Theater. Die sogenannte Wahrheit bleibt unantastbar. Seelenruhig drehe ich mich auf die Seite, korrigiere Kopf und Hand und Ellbogen bis das Bild gerade hängt und betrachte ihren Körper, der jetzt fester ist als noch vor Augenblicken.

Hör zu, sage ich. Betrachte es wie eine Art Berufskrankheit. Mit der Zeit verliert man die Übersicht darüber, was wirklich war und was nicht… und irgendwann ist es dir dann egal. Übrigens durchaus angenehm, dieser Zustand… die Grenzen verschwimmen… lösen sich auf… naja, so ungefähr jedenfalls… eigentlich gibts ja überhaupt keine, gab auch nie welche, aber das-
Moment mal, soll das heißen, dass du mich die ganze Zeit belügst?!

Mein Telefon klingelt am anderen Ende des Zimmers und ich denke an die Gebühren, für die ich aufkommen muss, wenn ich das Gespräch annehme. Dann denke ich an die Erklärung, für die ich aufkommen muss, wenn ich es nicht annehme. Nach dem sechsten Klingeln stehe ich mit dem Rücken zum Zimmer.

Unbekannter Teilnehmer.
Ja?

[Scheißangst braucht weniger als vier Sekunden, um sich komplett durch einen erwachsenen Männerkörper zu fressen.]

…muss kurz weg gewesen sein… der Teppich riecht… bin… gefallen?… iskalt… muss kurz weg gewesen sein… Fragen schießen durch den Raum wie lautlose Kometen… hysterische Kometen… kann nicht schlucken… kriege die Augen nicht auf… na komm schon…

WAS IST LOS?!
WAS IST LOS MIT DIR???
WER WAR DA AM TELEFON???
SCHEISSE SAG DOCH WAS MENSCH!!!

Alles okay, krächze ich. Das war Seltenheim. Ich muss zurück nach Berlin.

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Ausflug

Die Reise dauert zwei volle Tage und endet abrupt und mitten in der Nacht an einem namenlosen Weiher in der Uckermark. Die finsterste aller Dunkelheiten hat ihre stille Mundhöhle über dieses Ende der Welt gestülpt, doch der Schildermaler ist wach, kann nicht mehr laufen und läuft doch zur Tür, um mir zu öffnen. Unterwegs habe ich alles verloren, außer meiner Angst. Haha, macht er, komm rein.

Als ich am nächsten Morgen zu mir komme, liege ich auf einer zerfledderten Matratze, zwischen versteinertem Baumaterial und groben Antiquitäten. Draußen zwitschern die Vögel, irgendwo im Erdgeschoss klappert Geschirr, es riecht nach Kaffee. Ich warte, bis sich meine idiotische Morgenlatte gelegt hat und dann noch etwas länger. Ohne meine Angst werden wir uns als Fremde begrüßen.

Na, gut geschlafen?
Wie neugeboren.
Haha, macht er.

Ich bekomme einen Platz am Küchentisch, bekomme einen Becher, einen Teller und eine Machete. An der Wand rechts von mir lehnt der letzte Auftrag des Alten. Das riesige, fotorealistische Gemälde zeigt einen frisch geputzten Neuwagen auf einer perfekt gewunden Landstraße, die sich durch eine grandios idyllische Landschaft zieht, um irgendwo zwischen den saftigen Hügeln zu verschwinden. Die Jungs aus der 3DFX Abteilung hätten das nicht besser hingekriegt. Strahlend blauer Himmel, Reflektionen auf der polierten Kühlerhaube und durch die Scheibe erkennt man eine hübsche Brünette mit schwerem BH. Sparfüchse aufgepasst! Am 28. April… beginnt der Text. Der Rest fehlt noch. Am unteren Rand des Bildes ein breiter weißer Streifen mit diversen Logos. Gefördert vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Initiative für ein sauberes Europa, und so weiter.

Selbst gebacken, sagt der Schildermaler und knallt ein verbranntes Kastenbrot auf den Tisch. Ich nicke in die Richtung des Bildes.

Das sieht gut aus, bemerke ich und gucke plötzlich sehr tief in zwei glasblaue Augen.
Nächstes Jahr, am 28. April, kommt ein neues Gesetz auf den Markt. Dann dürfen in Europa nur noch diese Hybrid-Autos fahren, kennste bestimmt, so halbhalb Elektro und Benzin. Wegen Feinstaub und diesem Zeug. In Wirklichkeit ist das nur ein kleiner Kraftakt, um auch den letzten Rest Bevölkerung in einen Kredit zu zwingen. Wird ein Riesengeschäft. Die Fließbänder der Autoindustrie laufen jetzt schon heiß.
Und die Leute schlucken das?
Natürlich. Für ein sauberes Europa.
Und dann?
Erstmal ein paar Wochen nichts und dann kommt der Krieg.
Welcher Krieg? Mit wem?
Weiß ich doch nicht.
Und die Leute schlucken den auch?
Natürlich. Für ein friedliches Europa.

Du und ich und der Schildermaler in der Uckermark, wir werden alle sterben.
Ernsthaft.

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Sanduhr

Im Briefkasten finde ich die Rechnung für einen Antrag, der aus drei Absätzen komplizierter Gründe leider keine Berücksichtigung finden konnte. Unterschrift [im Auftrag]: Fotze Dörrobst. I.S.I.S. hatte ein Konzept eingereicht, das Grönland opfern sollte.

“…Soldatischer Nachwuchs darf weiterhin auf nationaler Ebene ausgebildet werden, das volle Programm, mit Gehirnwäsche, bunten Feindbildern und komplizierten Abkürzungen für die verschiedenen Einheiten. Die tatsächlichen Kampfhandlungen jedoch werden ausschließlich auf dem Territorium Grönlands ausgetragen, das für diesen Zweck geräumt [13] und flächendeckend mit hochauflösenden Kameras ausgestattet wird. Der Erlös aus dem Verkauf der Übertragungsrechte geht unversteuert an die Rüstungskonzerne[14], die sich im Gegenzug dazu verpflichten, jedes fertiggestellte Stück Kriegsgut ohne Zwischenstops auf die Insel zu transportieren.

[...] Rückfahrt-Tickets gibt es nicht. Soldaten und Waffen werden per Fallschirm oder Lastensegler abgeworfen. Wer sich also einmal dazu entschieden hat, bei der heiteren Schlachterei dabei zu sein, der hat seine Entscheidung getroffen…”

I.S.I.S. ist schlank und zweiundzwanzig. Wir ficken viel. Mit dem Brief in der Hand suche ich die Bude ab und finde sie schließlich in der Badewanne. Dichter Nebel füllt das Bild, Wasser tropft von den Wänden. Es ist heiß.

Wäschst du mir den Rücken? fragt sie.
Die haben den Antrag abgelehnt.

Ich drücke ihr die Rechnung in die Hand, hocke mich auf die Kloschüssel und stecke mir eine Zigarette an. I.S.I.S. liest und stößt ab und zu ein kurzes Lachen hervor. Mir ist nicht zum Lachen zumute. Mein Hemd ist durch, mir rennt der Schweiß über die Stirn und falls ich mich als zäh erweisen sollte, habe ich noch ein weiteres Leben Tipperei vor mir.

Bei zwei Gramm Sand erinnert sich Fotze Dörrobst an den gutaussehenden Kommissar, der ihr Anfang Februar die Hand geschüttelt und gesagt hatte: Wir sind dankbar, eine so fähige Mitarbeiterin zu unserer kleinen hehe Familie zählen zu dürfen. Als der Gedanke rum ist, tastet sie nach dem Lichtschalter. Klick. In derselben entstandenen Dunkelheit, nur ein Stück weiter die Stadt rauf, sucht der gutaussehende Komisssar nach der Kondompackung in seiner Nachttischschublade. Er ist allein im Bett, doch es bereitet ihm säuische Freude, die gefüllten Gummies hinterher und versehentlich neben den Mülleimer zu schmeißen. Für die studentische Putzkraft, das frigide Luder.

Ein paar Stunden bevor Burroughs bei einem Spiel versehentlich seiner Frau ein Loch in den Schädel schoss, kriegte er völlig überraschend einen Heulkrampf. Mitten im Gehen, auf der helllichten Straße.

Wir liegen auf der Seite. I.S.I.S. hat eine Hand in meiner Unterhose und die andere auf meinen Lidern.
I.S.I.S.: Ich kann dir deine Zukunft vorraussagen.

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Die zweite Sitzung

In der Friedelstraße entdeckte ich den verschenkten Küchenstuhl, auf dem ich vierzig Minuten später sitze, im zukünftigen Sarg des 5P4MM3RTH0L063N. Er selbst befindet sich auf der Kommandobrücke und sieht in diesem Moment ein bisschen so aus wie der Typ in Matrix, die Eingangsszene, wo ihn die Stimme aus dem digitalen Drüben justamente aus dem Schlaf geklopft hat. Ich denke, das könnte ein Kompliment sein und spucke es aus.

5P4-TH0: Hast du den Film verstanden?
Ich: Weiß nicht…
5P4-TH0: Manchmal frage ich mich-

HA PISSER HA. Sicher gibt es eine Matrix, aber die ist weder elektrisch noch wird sie von irgendeiner Robotermafia kontrolliert, die dem armen Menschenvieh den Saft absaugt wie in einem Gruppenkuhstall. Als die Matrix entstand, gab es das Wort Roboter noch gar nicht (und damit auch keine Roboter). Sie ist die Sprache selber, das Wort. Sprache lässt unsere Gedanken entstehen, kreiert unsere Welt und alles, was drin ist. Wie die Matrix bildet sie die für uns unsichtbaren Rahmenbedingungen, innerhalb derer wir unser Leben abwickeln. Einen Link zu Benjamin Lee Whorf’s These findet ihr unter diesem Video. Und, um bei dem Bild zu bleiben, die Roboter sind diejenigen, die den Lagerbestand und die Bedeutung der Worte kontrollieren.

Ich schweife ab.
Kometenschweif.

Stimmung schreiben: Also im Raum ist es so finster wie bei der letzten Sitzung. Nur die beiden Bildschirmschoner (hübsche, bunte Fraktale) leuchten in rotierenden Farben. Davor die Silhouette des 5P4-TH0, die niemals isst und niemals trinkt. Zwischen uns steht ein digitaler Verpixelungs-Effekt, der den 5P4-TH0 und mich gleichermaßen anonymisiert. Wir müssen bloß vorsichtig sein. Ach sieh an, jetzt fällt mir auch auf, dass der Gestank hier drin viel erträglicher ist als bei meinem letzten Besuch. Vielleicht hat er den Hamster beerdigt…

Schreibst du jetzt die Nachricht für uns oder nicht?
5P4M, ALTER! 5P4M!!! Wozu brauchst du ‘ne Nachricht?!
Du hast überhaupt gar nichts kapiert! Wir ändern die Form mit dem Inhalt!
Klick, macht das Feuerzeug. Plopp, macht der Kronkorken.

An dieser Stelle ertönt die Stimme desjenigen Sprechers, der hauptberuflich mystische Ägypten-Dokus synchronisiert, begleitet von einer bedrohlichen Soundkulisse. Er sagt, dass wir einschalten sollen wenn es wieder heißt: Penisvergrößerung! Alle gängigen Kreditkarten werden akzeptiert!

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