Pankow Wolfsgeheul

Im Wechselgeld der Nacht, Randgebiet der Stadt: drei kalte Männer mit alten Kameras vor den Schädeln. Chor-Musik umgibt die Typen, unterbrochen vom Klick-Klick der mechanischen Verschlüsse und gelegentlichem Gemurmel. Halten direkt auf das Hauptquartier zu, in dessen Schaufenster teure Technik schmilzt, verschwinden darin. Will eigentlich weitergehen, aber mein Ohr bremst mich aus und so bleibe ich unter einem gekippten Fenster stehen.

Leute, ich hab’s verkackt… die ganze Firma, verdammter Spam, es tut mir so leid Leute…
Geht’s noch undeutlicher?
Email-Spam!!! Sone bescheuerten Nachrichten mit Kugelschreiber-Angeboten drin. Kugelschreiber MIT DEM AUFDRUCK IHRES FIRMENLOGOS! Haben mich gekriegt, die Schweine. Haben mich gefickt… Wir sind verdammt nochmal pleite-
Scheiße laberst du da? Kugelschreiber?
Und die sind mal so richtig teuer die Dinger sag ich euch und die Typen da haben genau ZERO TOLERANZ von wegen Zahlungsziel… Zehntausend wollen die haben. Aber nicht für die ganze verdammte Charge, nee…  die wollen Zehntausend PRO FARBE!!!
Da fick mich doch in den Arsch – und welche Farben hast du bestellt?
Na ALLE!!!

Gott im Zweifel

Ich züchte mir gerade einen Kosmos. In meinem Labor. Wie in den Filmen fing das eigentlich ganz harmlos an: Naive Neugier im weißen Kittel, ein bisschen überarbeitet, ein bisschen verpeilt, sitzt an seinem großen Tisch und mischt geschriebene Worte zusammen, Symbole aus allen Welten und Zeiten und es blubbert und köchelt und der Steinbart der liest und schüttet und rührt.

Was soll dabei schon schief gehen?

Einen Urknall später haben wir die Szene mit den ersten Zweifeln: Kopf in Schräglage, geschürzte Lippen mit einem Finger drauf und eine Stirn in Falten. Ist doch ganz süß der Kleine… Aber wie schnell der wächst… Scheiße wächst der schnell!

Ich mache mir nicht vor, dass die handelsüblichen Halsbänder für dieses Ding aus meiner Tiefe ausreichen werden. Und wer schon mal auf einem Höllentrip unterwegs war, der weiß wie langsam Zeit vergeht.

Also, abbrechen oder nicht?

A Long Way to Temporary

Die Erkenntnis sitzt uns im Nacken, doch wir sind schneller.
Meistens.

Mitten im Takt, mitten im Atemzug, das ganze Dilemma in all seinen Wellenformen: Frage mich woher die Dinge kommen, was sie einmal waren, was sie sein werden, vor oder in fünfzig, hundert, tausend Jahren. James Joyce‘ Stuhl: aschig. Wie bitteschön meisterhaft ist das denn?! Absolut Zeitlos! (Pro-Scherz)

Die Sonne scheint in Temporary. Machen wir uns also auf den Weg.

Die Nemogusfalle

Jesus32 trägt ein zentnerschweres Kreuz aus Leder und bei 32 Grad Plus tönt sein Glockenspiel klar und deutlich durch das nachtleuchte Tal. Wir haben uns getroffen um den globalen Herzinfekt zu besprechen. Zumindest stand das auf der Einladung. Tatsächlich bin ich gerade dabei, Rechenschaft abzulegen.
Kackst du ab? fragt er zum zweiten oder dritten mal.
Alter, es geht mir gut.
Sieh an!
Aber ich will nicht hinsehen, sehe stattdessen nach rechts und nach links und dann nach oben in den Glitzerhimmel. Also fragt er mich, wie die Geschäfte laufen.
Laufen…
Versuchs mal mit Bestrahlung.
Nach einem anerkennenden Nicken meinerseits guckt er dann auch in die Sterne, kratzt sich am Sack und zeigt anschließend mit dem Finger auf ein besonders helles Leuchten.
Das da ist Virgina.
So’n Quatsch.

Unseren Informationen nach existiert in dem der Menschheit bekannten Universum kein einziger Stern mit dem Namen Virgina. Es gab da eine Studentin der Archäologie, die möglicherweise so hieß, doch sie stand sehr dicht an den Boxen und sprach in alle Richtungen gleichzeitig, während sie welliweich von einem auf das andere Bein wippte. Das in höchstem Maße erotische Spektakel hörte um Punkt 5 Uhr 45 auf, nämlich als Virgina, plötzlich und mitten im Takt, in Richtung Garderobe verschwand.

He.
Eh?
Guckstu…
Wasn?
Da drüben!
WOAH (Supernova)…

Also bleibe ich vor Ort und verbringe den gesamten Vormittag damit, einigen bunt-glühenden Satelliten auf ihrem hula-hoopen Orbit um die Hüfte einer nimmermüden Waldfee zu folgen. Unsere Zeit zieht schleichend Kreise in den Sternenstaub und als die letzten Trabanten verglüht sind, gehen wir auseinander.

Auflage Nummer Drei

Nur kurz: Die letzten Bücher der zweiten Auflage von Seltenheim sind jetzt verschickt. Auflage Nummer Drei kommt morgen handwarm aus dem Druck. Es läuft, würde ich sagen. Und es ist Zeit.

Zeit sich bei all denjenigen zu bedanken, die meine Arbeit unterstützt und dieses Buch gekauft haben. Bei denjenigen, die eine Rezension geschrieben oder es Freunden über den Küchentisch erzählt haben. Es gehört eine Menge Mut dazu, über den Tellerrand des Mainstream hinaus zu segeln. Ihr schrägen Vögel, Sondergänger, Piraten und Freaks: Danke!

Und zwei schnelle Worte noch an all diejenigen, die mir damals prophezeiten, dass ich ohne Verlag und Vertrieb kein einziges Buch verkaufen würde: Fickt euch!

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Lehrfahrt

Ich hatte mich verirrt bei dem Versuch, in toxischen Wäldern eine Abkürzung zu finden. Eine Karte hatte ich, sicher, aber die hat mich beschissen. Karten können nicht anders. Fragt Korzybski. Mein kleiner Höllentrip in Bildern: Insekten in den Ohren und allen anderen Körperöffnungen, eine Zunge so groß und tot wie ein Steak und Blasen an den Füßen, die einfach nicht verheilen wollen. Der einzige Tempel, den ich am Ende auftreiben konnte, war eine Touristenfalle aus Milchglas.

Zurück auf der Straße kapitulierte ich eine Weile vor mich hin (während sich unten am Flussufer ein kompletter Indianerstamm vor Lachen krümmte) bis mir langsam dämmerte, worum es bei dieser Tortour eigentlich ging: Als ich los bin, hatte ich keine Ahnung wie ich das zweite Buch schreiben sollte. Seltenheim war wie eine Fingerübung, physisch und klar. Doch mit dem zweiten Buch sollte es abwärts gehen, in den Dschungel Mental. Runter zu den Erfahrungen, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Nach meinem kleinen Ausflug hier glaube ich, den Weg gefunden zu haben.

Wo genau es lang geht, weiß ich zwar immer noch nicht, aber wenigstens kenne ich jetzt die Frequenz.

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