Augenzeuge

Kaum bin ich selbstständig, verdiene ich auch schon ausgezeichnet. Es ist zum Abfeiern. Hab mir gleich mal ‘ne Einkaufstüte Kokainum bestellt, die Miete von letztem Jahr Dezember beglichen und eine Antwort auf die Frage, was ich denn so mache (-also beruflich), habe ich jetzt auch. Kein Rumgestotter mehr und keine akrobatischen Ausflüchte.

Ich bin jetzt Augenzeuge.

Es gibt da diese nagelneue Agentur, die die großen Magazine und Tageszeitungen mit Bildmaterial bedient (renommierte Kunden aus aller Welt, vom Spiegel bis zur New York Times). Zu der bin ich also hingegangen. Initial-Bewerbung, reine Verzweiflung. Die hatten eine furchtbar nette Fotografin da und die hat ganz viele Fotos von mir gemacht. Sehr studiomäßig, mit Blitz und vor weißem Hintergrund, damit man mich später leichter ausschneiden und in das gewünschte Bild einbauen kann. Zwischendurch gabs Energy-Drinks und Powerriegel. Aber so anstrengend war das gar nicht… Ich musste ja bloß posen und das entsprechende Gesicht ziehen.

Tu jetzt mal so als hätteste gerade einen richtig üblen Unfall gesehen… also das Fahrzeug ist ungefähr hier wo ich stehe… liegt auf Kopf und qualmt… und hier liegt so ‘ne halb zerfetzte Leiche, mit abgerissenen Armen oder sowas… jaaa… (klick) voll eklig so… (klick)… kannst ruhig noch ein bisschen ängstlicher… (klick) stell dir richtig vor wie da das ganze Blut und Fleisch… (klick) jaaa, genau so (klick klick klick)… okay, das haben wir. Dann schauen wir mal, was als nächstes kommt… Ah hier… Entsetzen in der Luft… also jetzt guckste nach oben und stellst dir vor, da kommt gerade ‘n Flieger runter… Riesending… brennt volle Kanne und Leute fallen reihenweise aus dem Ding raus… machma so die Handkappe, so als würdeste voll in die Sonne gucken… und Panik, das Teil kommt ja voll auf dich zu… noch mehr PAAANIK… jaaa (klick), sooo (klick), genauuu (klick klick klick klick)…

Den halben Nachmittag habe ich fast hundert Posen vorgeturnt. Die meisten nur rumstehen/sitzen/liegen/knien/kriechen und dabei irgendwohin gucken, es gab aber auch ein paar Stunts… richtig mit durch die Gegend fliegen und so. Naja und gestern gucke ich bei denen auf die Seite und plingpling, schon über vierzig Verkäufe. Die Namen der Käufer kann man selbstverständlich nicht sehen. Logisch, hehe…
Spreche ich mit dem Chef-Redakteur? Guten Tag, mein Name ist Steinbart und ich würde mit Ihnen gerne über Geld reden…
Wer SIND Sie?
Ihr Augenzeuge. Auf dem Cover der letzten Ausgabe? Der hysterische Typ, der die israelische Fahne anzündet? Das bin ich.
Und nach dem trockenen Schlucken beginnen dann unsere Gehaltsverhandlungen. Nee… so etwas wäre doch verantwortungslos, nicht wahr? Geht gar nicht… Mach aber nichts, denn auch so fährt meine neue Beschäftigung solide Kohle ins Hause Steinbart. Und das bei minimalem Aufwand.

Also liebe Leser, sucht mich auf dem Cover von Newsweek, Focus oder Le Monde. Ihr findet mich dort an der Front und mittendrin im Schusswechsel, zwischen den Mollischwingern beim nächsten Aufstand des Volkes, als Ufo-Sichter (“…und als es wieder weg geflogen war, lag dann der Typ mit dem fehlenden Arm da… und der war ganz nackt!“), oder als stationär behandeltes Strahlungsopfer des kommenden Super-GAU. Vollverstrahlt… wie geil. Hier, dem ersten, der irgendwo einen verstrahlten Steinbart findet, dem schmeiß ich ‘ne Party.

Versprochen.

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Kraftstrom

Ich hänge jetzt an Kraftstrom und die Maschine läuft in den ganz hohen Drehzahlen. Das nächste Buch will raus.

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Die Hexe von Scherzow

Auf meiner Suche nach nackter Haut lande ich schließlich in Scherzow, Mecklenburg-Vorpommern. Von der Handvoll Gebäuden stehen die meisten leer. Triefende Liebeserklärungen in schwarzer Farbe und jede Menge eingeschmissener Fensterscheiben. Der übliche Vandalismus in Scherzow, Mecklenburg-Vorpommern. Meine Ankunft fällt in die Zeit des zivilen Sonnenuntergangs, außer mir ist keine Seele unterwegs auf dem alten Kopfsteinpflaster. Ich biege auf den unbefestigten Forstweg am Ende der Siedlung ab, poltere in halbem Schritttempo bis auf das Grundstück, hupe zweimal und stelle den Motor ab. Die Blume von Scherzow kommt aus der Scheune, ganz Landidylle in einem blauen Kleid und Gummistiefeln. Mit dem Unterarm wischt sie sich den Schweiß von der Stirn. Viel hübscher als erwartet. Auf dem Feld hinter dem Gebäude hocken etwa zweitausend Krähen mit offenen Schnäbeln und glotzen ihr auf den Arsch.

Der erste Filmwechsel im Bad. Ihr Fuß durchstößt den weißen Schaum. Rotlackierte Zehnägel dampfen wie kleine Fackeln während rundum lautlos bunte Bläschen platzen. Entspannung & Wohltat heißt diese Essenz.

Meine Eltern sind in den altdeutschen Brunnen gefallen.
Oh.
Hast du gesehen? Draußen, im Hof? Den Brunnen?
Ja.
Sind da reingefallen. Alle beide.
Das tut mir leid.
Ich will nicht, dass du mich belügst.

Der zweite Filmwechsel im Schlafzimmer. Ihre Schenkel sind im US-Amerikanischen Stil gespreizt, rhytmisch zuckt ihre Pussy in meine Richtung. Ich beschwichtige das Blut, rede mit sanfter Stimme gegen diese Entblößung an… jetzt bloß kein Porno… Eine wütende Wölfin wirbelt auf alle Viere, streckt den Kopf in meine Richtung und fletscht die angespitzten Zähne.

Gefällt dir etwa nicht was du siehst?
Naja schon, aber weißt du, die Fotos die ich brauche sind eher…
Hast du schon mal daran gedacht, was ICH brauche?

Als Punkt hinter diesem Satz rollt der schwarze Vibrator an die Bettkante, stürzt in die Tiefe und verstummt. Alles kaputt. Irre. Parabel. Keine zehn Minuten später die Verabschiedung unter einem Halbmond. Dichter, kniehoher Nebel liegt jetzt über dem Feld. Von den Krähen ist nichts mehr zu sehen. Mit zielsicherem Griff langt die Blume von Scherzow nach meinen Weichteilen, ihre Stimme frisst sich in mein Ohr.

Bleib doch noch… Du weißt, ich kann uns jeden Wunsch erfüllen.
Ohne Zweifel, aber nicht heute.

Ich löse mich vorsichtig aus der Umklammerung, beuge mich vor um ihr einen Kuss auf die Wange zu geben, als mit einem plötzlichen PLOPP der Schnellkochtopf ihrer Enttäuschung platzt und alle vorhandenen Welten in einem Feuerball aus Wut und Galle untergehen. Aus ihren hoch erhobenen Armen schießen knallrote Blitze in den pechschwarzen Himmel und was jetzt noch lebt das stöhnt und windet sich in höllischen Schmerzen… der Boden vibriert, bricht auf und aus der Tiefe ihrer Kehle sprüht ein tobendes Kreischen in die heiße Luft wie Lava.

IIIDIIIIIIIIIJJJJJJJJ VVVVVVVVVVVVVVV SRAAKUUUUUUUUUUUUUUUUUU!!!

In einem grellen Feuerball explodiert der Donner, sprengt das Trommelfell, ein blindes Piepen… Sechs Sekunden Ohnmacht, dann herrscht plötzlich wieder Normalität. Von meiner Stimme ist nach diesem Anschlag kaum noch was übrig.

Was zur Hölle war denn DAS bitte!?
Das war ein Fluch, du Wichser. Sieh zu wie du damit klarkommst.

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Kunst

Der minzgrüne, fensterlose Raum ist zwei Meter hoch gefliest. In der östlichen Ecke des Fußbodens befindet sich ein kleines Loch im Boden. Drum herum sind die Fliesen dunkler, fast schwarz. Über der eisernen Tür befindet sich ein kleiner, kastenförmiger Lautsprecher. Ich liege auf dem Bett und versuche zu schlafen, als ich entfernte Stimmen im Lautsprecher wahrnehme. Offensichtlich hat jemand vergessen, die Anlage abzuschalten. Zwei Männer bewegen sich in Richtung Mikrofon, bleiben in der Nähe stehen. Schichtwechsel.

… und in der Vier dann Steinbart, gestern Nacht rein gekommen, der Rest ist leer.
Der Steinbart?
Mmmh, sieht so aus… haben ihn gestern Morgen abgeholt… angeblich ist seine Alte bei der Verhaftung ganz schön durchgedreht, mit richtig Kung-Fu und so… die hat der Beamtin Patmos, weißte, die Dicke aus der SPC14… ‘n richtig fettes Haarbüschel rausgerissen… die sieht jetzt aus wie ‘ne verdammte-
Auf was ging der Hafti?
Weiß nicht… glaube was mit Online… illegale Downloads wahrscheinlich… Kinderpornos, Volksverhetzung… irgendwas in dieser Richtung-
Und hat ihm schon jemand verklickert, was wirklich Sache ist?
EY WARTMA IST ETWA DIE VERDAMMTE—

Plötzliche Stille. Dann kommt der Sturm. Es ist sinnlos zu versuchen, die folgenden Stunden zu beschreiben: Haushohe Wellenberge, spritzende Gischt, der Geschmack von behördlich verordnetem Salz und meinem eigenen Blut. PANIK. Um 7:30 dann das Frühstück, zwei Stunden später darf ich gehen. Vorläufig, erklärt man mir.

“My illusions are shattered.” [Jeremy Irons in einem Film über die Entjungferung eines sündhaft teuren Teenagers.]

Das Entlassungs-Protokoll enthält folgenden Passus:

[…] woraus wir ableiten können, dass die Schöpfung eine sehr einsame und zuweilen schmerzhafte Angelegenheit ist. Kunst ist, was bei dem ernsthaften Versuch entsteht, Bilder aus dem Unbewußtsein ins Bewußtsein zu transportieren. Alles andere ist melancholische Verklärtheit, bzw. Artsy-Fartsy.

Gezeichnet, der Polizeipräsident von Berlin.

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Vierzig Minuten

Das Bild einer Blondine zwischen den Zigeunern. Sie ist Noblesse, ein Teil der Familie, die Botin für Behördengänge. Selbstverständlich aus gutbürgerlichem Hause (Zehlendorf) geklaut und in einem feuchten Kellerraum (Spandau) aufgezogen. Das Licht geht an und wieder steht da ein stinkender Onkel, der bloß lieb sein will. (Dieser hier hat Blumen dabei.)

Der Geruch von Kaffee weht die Gleise entlang in meine Nase. Pisst mich an. Viel zu weit weg von meinem Schreibtisch und Verspätung, mindestens vierzig Minuten. Finger erfroren für ein kleines FCK. Die Anzeige rattert: IC 666. Liebe Fahrgäste, ihr Leben ist ein Scherz.

Zug fährt ein. (Vorsicht Stufe. Vorsicht vor Taschendieben und verwaisten Gepäckstücken.) Im Gleisbett wohnt eine Ratte, die auf den Namen Ferdinand der Ficker hört.

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Total flekfibel

[Etwas älter, aus der Schublade]

æ

Ihr Name war Mega die Seelenlose. Sie war künstlich blond, künstlich blauäugig und stolze Besitzerin eines Körpers, dessen Wert etwa dem eines fabrikneuen Porsche Cayenne entsprach. Leider lispelte sie furchtbar. Dieser Sprachfehler war ihr letzter menschlischer Zug und sie haßte ihn wie ein Krebsgeschwür. Reden ist Silber, Seufzen ist Gold, war eines ihrer Mottos. Ein anderes war: Lieber tot als häßlich. Na jedenfalls saßen wir uns gegenüber, an einem Barbie-Konferenztisch in einem Barbie-Büro und nuckelten an Strohhalmen, die in winzigen Fläschchen Apfelsaft steckten. In unter sechs Minuten hatte Mega mir dargelegt, worin meine zukünftige Herausforderung bestand. Anschließend scheiterte sie bei dem Versuch, mir das kryptische Gehaltssystem aufzuschlüsseln. Wir einigten uns auf eine ganze Menge, die man mit dieser Tätigkeit verdienen könnte. Je nach Leistung eben… Und schließlich waren wir beim Thema Arbeitszeiten angekommen. Mega rückte den Stuhl ab, stand auf und zupfte ihren Rock zurecht.

Alfo, du kannft kommen, wann Du willft und gehen wann du willft. Die Bürof find ftändig geöffnet. Work-In. Twentfyfour-feven. Total flekfibel.

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