Auflage Nummer Drei

Nur kurz: Die letzten Bücher der zweiten Auflage von Seltenheim sind jetzt verschickt. Auflage Nummer Drei kommt morgen handwarm aus dem Druck. Es läuft, würde ich sagen. Und es ist Zeit.

Zeit sich bei all denjenigen zu bedanken, die meine Arbeit unterstützt und dieses Buch gekauft haben. Bei denjenigen, die eine Rezension geschrieben oder es Freunden über den Küchentisch erzählt haben. Es gehört eine Menge Mut dazu, über den Tellerrand des Mainstream hinaus zu segeln. Ihr schrägen Vögel, Sondergänger, Piraten und Freaks: Danke!

Und zwei schnelle Worte noch an all diejenigen, die mir damals prophezeiten, dass ich ohne Verlag und Vertrieb kein einziges Buch verkaufen würde: Fickt euch!

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Lehrfahrt

Ich hatte mich verirrt bei dem Versuch, in toxischen Wäldern eine Abkürzung zu finden. Eine Karte hatte ich, sicher, aber die hat mich beschissen. Karten können nicht anders. Fragt Korzybski. Mein kleiner Höllentrip in Bildern: Insekten in den Ohren und allen anderen Körperöffnungen, eine Zunge so groß und tot wie ein Steak und Blasen an den Füßen, die einfach nicht verheilen wollen. Der einzige Tempel, den ich am Ende auftreiben konnte, war eine Touristenfalle aus Milchglas.

Zurück auf der Straße kapitulierte ich eine Weile vor mich hin (während sich unten am Flussufer ein kompletter Indianerstamm vor Lachen krümmte) bis mir langsam dämmerte, worum es bei dieser Tortour eigentlich ging: Als ich los bin, hatte ich keine Ahnung wie ich das zweite Buch schreiben sollte. Seltenheim war wie eine Fingerübung, physisch und klar. Doch mit dem zweiten Buch sollte es abwärts gehen, in den Dschungel Mental. Runter zu den Erfahrungen, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Nach meinem kleinen Ausflug hier glaube ich, den Weg gefunden zu haben.

Wo genau es lang geht, weiß ich zwar immer noch nicht, aber wenigstens kenne ich jetzt die Frequenz.

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Warum ihr miserable Leser seid

und
warum ihr nichts dafür könnt
und
eure Erleuchtung reimt sich auf Bühnenbeleuchtung.
*

Lesen heißt Lernen, könnte das Bundesministerium für Bildung und Propaganda in seiner aktuellen Ausgabe titeln. Von Kindheit an wird uns eingetrichtert, dass wir das, was wir lesen, gefälligst auch zu kapieren haben. Sonst sind wir nämlich blöd. Finden wir heute also irgendwo eine Kette aneinander gereihter Worte, versuchen wir reflexartig, diese zu verstehen. In anderen Bereichen der Kunst haben wir es längst aufgegeben, verstehen zu müssen. In der Musik haben wir es gar nicht erst versucht. Die darf direkt ins Unbewusstsein marschieren ohne das der Türsteher Verständnis auch nur mit der Wimper zuckt. Doch in der Literatur bleibt Kognis König und wer so schreibt wie Pollock rotzt, wird nicht gelesen. Zu experimentell.

Erleuchtung hat nichts mit Verständnis zu tun. Erleuchtung ist Erfahrung und Erfahrung ist Realität. Der Rest ist ein komplexes Netz aus Symbolen, die sich gegenseitig referenzieren und die als Ganzes unser Glaubenssystem ausmachen.

Erleuchtung ist, wonach wir suchen. Eine Antwort auf die Frage ob, warum und wer wir sind und was diese Realität eigentlich ist. Ich habe da vielleicht ein paar brauchbare Ansätze für euch. Aber dafür braucht es einen anderen Rahmen als diese Seite, andere Wege der Kommunikation als geschriebenes Wort.

Ich arbeite dran.

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Charakterstudie

Auszug aus meinem Merkblatt für Spirituelle Selbstverteidigung.

Der Charakter präsentiert sich in zwei Erscheinungsformen: Die eine berühmte Form, über die sich oft und gerne das Maul zerrissen wird, bei einem Bierchen und üblicherweise unter Ausschluss des Betroffenen. Diese Form manifestiert sich in den Handlungen und Worten der entsprechenden Person (seinen sogenannten Verhaltensmustern) und wird gerne als Grundlage für Einschätzungen verwendet. Da Handlungen und Worte jedoch einigermaßen frei gewählt und damit willentlich manipuliert werden können, kommt es bei solchen Einschätzungen immer wieder zu unangenehmen Überraschungen (Also das hätte ich ihr niemals zugetraut… aber er war doch so ein netter Nachbar, so unauffällig… du gottverfickter Wichser, etc.).

Dann gibt es da noch eine zweite Form, die ich den Spirituellen Charakter nennen will. Der spirituelle Charakter ist für uns in unserem derzeitigen Entwicklungsstadium unsichtbar. Und doch gibt es da diese Ahnung, zum Beispiel wenn wir sagen, dass wir jemanden nicht riechen können, oder dass die Chemie nicht stimmt. Trotz ihrer vagen Natur kann diese Ahnung Einfluss auf unser rationales Verhalten nehmen: Den Fühlern unter uns ist es unmöglich, mit jemandem in die Kiste zu steigen, den wir nicht riechen können. Das schöne an diesem Spirituellen Charakter ist, dass genauso wenig, wie wir ihn wissenschaftlich nachweisen oder gar erklären können, können wir ihn willentlich manipulieren. Nein, da reicht das Ego nicht ran mit seinen kurzen Armen. Auf der geistlichen Ebene kann dir also niemand was vorturnen. Und das macht den Spirituellen Charakter zu einem unglaublich sicheren Sensor für alle möglichen Entscheidungen des Lebens.

tl;dr: Verlass dich auf deine Intuition. Du hast sie nicht umsonst.

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Frühstück bei Schreibers

Steinbart stolziert durch den frischen Tag, zurück in die gute alte Stube (wie JJ, das Mal aus Malleus Maleficarum: Wir werden alle ein böses Ende nehmen. Singt: Was für ein Ende-he-he?) Im Klo auf halber Treppe zweiter Stock steht, bei vollständig geöffneter Türe, eine junge Dame mit Hose und Schlüpfer in den Kniekehlen. Ihr Mund kann nicht reden und ihre Pussy sieht aus wie ein menschlicher Schmetterling.

Guten Morgen Schmetterling! und egal, keine Fragen, keine Antworten. Weiter die Treppe hinauf. Ein bisschen atemlos, ziemlich verschwitzt. Nächste Etage dann

Alter ich geh Arzt.
Guten Morgen Musti! Hats dich also auch gerissen, ja? Ist die Seuche sag ich dir. Gute Besserung! Und immer schön Tee’chen, hörste?!

Weiter hinauf, weiter hinauf. Lunge hängt jetzt raus wie immer. Macht aber nichts wie immer. Saufoma gießt die Geranien im Fenster auf Halbertreppe Vier.

Guten Morgen Saufoma!
So ein Schlückchen hat bis jetzt noch niemandem geschadet.
Aber nicht vor dem Frühstück! Damit du mir noch lange erhalten bleibst! (Charakteristisch hier die geradezu panische Angst vor neuen Nachbarn)

Zehntausend Stockwerke in dieser Zeile.
Zehntausend in dieser hier.
Dann Schlüssel raus, er hat’s geschafft. Einmal rum und noch einmal. Reaktorkammer leer. Steinbart trixt die Tür mit der Hacke zu (bumm!), hängt die Schrecken seiner Haut an den Haken im Flur und zieht die Puschen an. Schrippen fliegen Richtung Küchentisch. Dann setzt er einen Mokka auf und eine Kippe in Brand.

Ficki Facki Frühstück.

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Alchemie

Deine Behandlung ist ein weiteres Einsatzgebiet meiner Träume.
Zieh dich endlich aus, sagt die vertraute Stimme des vertrauten Mädchens.

In den Randgebieten von Punta Massima City. Ein voller Mond mit Hof ist vorhin aufgegangen und strahlt durch die lautlos tanzenden Vorhänge in das schweißgetränkte Zimmer. Es herrschen immer noch einunddreißig Grad Celsius. Wir sitzen nackt und nebeneinander auf dem Bett und beobachten die Geschehnisse im Fenster auf der anderen Straßenseite. Das Zimmer dort ist wie jedes Zimmer hier: die hoch hinaufreichenden Wände sind weiß und ungeschmückt, ein Bett und eine Kommode, getrennt durch eine Stehlampe mit staubigem Schirm, durch den ein schwaches braunes Licht dringt. Die junge Asiatin steht aufrecht vor der Kommode, auf die sie vorhin mit höchster Sorgfalt ein kleines, schneeweißes Kissen gelegt hat. Die Frau ist außergewöhnlich groß gewachsen und sehr schön anzusehen, das Haar Obsidian und frisch gewaschen. Ihr Kimono liegt wie ein nasser Stein an ihrem Körper. Sie steht bewegungslos da, den Blick geradeaus an die Wand geheftet.

Wir warten. Meine Stimme ist leise.

Kehren wir für einen Augenblick zurück.
Zusammen, ja…

Ich setze voraus, dass der Leser eine grundsätzliche Vorstellung davon hat, welches Ziel die Alchemie tatsächlich hatte, beziehungsweise welches Ziel die Alchemie bestimmt nicht verfolgte. Nämlich den Stein der Weisen zu finden. Jene Formel, die es ermöglichen sollte, aus einem Haufen Scheiße einen Haufen Gold zu zaubern.

Fotzenkotter. (mehr …)