Kleingeld

Baldrian hat seinen Job verkackt. Bekam Zweifel an der ganzen Geschichte und schrieb die Zweifel an die Tafel. Den Schülern gefiel das gut, sie machten sich Notizen und Gedanken. Allerdings nicht besonders lange. Baldrian und seine zweifelhaften Lehrinhalte flogen auf und er landete vor dem Ausschuss. Der verpasste ihm einen knallroten Gag-Ball und weil das nichts brachte, kriegte er drei Wochen später einen sexuellen Übergriff an den Hals.

Ich habe nie gelogen, sagt Baldrian.
Hätteste mal… Oder subtiler-
Scheiß auf subtil, schade um den Job. Aber ich bin nicht gestorben und lehre weiter. Halt den Mast oben und das Wasser aus dem Boot. Der Rest ist reine Unbequemlichkeit.
Hm..?
Altes Segler-Sprichwort. Haste was Kleingeld über?

Wir stehen vor dem Netto, zwischen zwei Schauern, und ich gebe ich ihm was ich kann: 71 Cent und 139 Worte.

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Nachbars

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein hell erleuchtetes Zimmer. Drei Typen stehen unter einer nackten Glühbirne und gucken zu mir rüber. Jeder einzelne von ihnen sieht genauso aus wie ich. Ein Weile lang starren wir uns gegenseitig an, dann löst sich die kleine Gruppe auf und jeder verlässt den Raum durch eine andere Tür.

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Alles auf Null

Träume manchmal. Von den guten alten harten Zeiten. Als Jäger in den späten Straßen, die kunstgelb beleuchtet die Arena B machten. Hier und da ein Neonblitz: Spawn und ein neues Ziel im Spiel. Die Hatz geht los, die Lunge lungt, das Herz am Anschlag… im Gesicht zwei winzige, knallrote Augen mit halbtransparenten Lidern (wie Fledermausflügel)… steter Blutrausch im Ohr und schlaflos aus Gier: Fleisch! Sound! Gottgefickte Poesie! Ich habe keinen Bass verpasst, ich schwöre.

Heute sitze ich in meinem Strandkorb und schlürfe in aller Langsamkeit mein Bier.
Ich gucke auf das Meer hinaus soweit mein Blick mich trägt. Keine Welle, alles ruhig. Was ist da draußen?
Ich bin hier, sagt der Wind.
Ich bin hier, sagt das Meer.
Kann ich euch vertrauen?
Wir spielen mit offenen Karten. Bis jetzt haben wir noch keinen beschissen. [*]

Die Jagd ist vorbei. Eine Reise beginnt.

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[*] Seltenheim (S. 220 f.)

Berlin hat Sommer

Unvorbereitet einer übertrieben hohen Dosis blanker Haut ausgesetzt, beginnt Lotse Steinbart zu stottern. Er flüchtet aus dem Zimmer, rennt durch Hausflure, die Straße hinunter und klettert schließlich auf einen baumhohen Turm aus glattem Metall (das Material sondert in regelmäßigen Abständen einen grünes Leuchten ab, wie Atemzüge). Lotse Steinbart unsichtbar: Linke Hand der Schreiber und in die andere am Sack.

Acht Meter tiefer zieht das eingeflogene Feiervolk vorbei und die Mäuler beeindrucken sich gegenseitig mit immer tödlicheren Waffen. Eine Armee von Individualisten: Niemand ohne Bier. Niemand ohne Bart. Niemand ohne Stil.

Stunden später
weht der warme Wind Berliner Nuttendiesel durch die Straßen: Kotze & Kater. Döner & Pisse. Abgerundet mit einer Spur frühmorgendlichen U-Bahn-Muffs.

Stunden später
wacht Lotse Steinbart am schrägen Ufer des Landwehr-Kanals auf: Es ist schon Mittag und die Wasseroberfläche derart überfüllt, dass er trockenen Fußes auf die andere Seite gelangt.

Macht den Jesus. Kommt in die Zeitung. Berlin hat Sommer.
Auch schön.

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Im Krematorium auf Sparflamme

Absurd. Ich meine: irgendwann sind wir doch alle gar und staub. Also wozu die ganze Hirnficke? Weit aufgerissene Empfänger, Mäuler, Rachen: Hauptsache der Input kommt. Spagat zwischen den Kajaks Jackpot und Pferdekopf. Dunkle Ausläufer der eigenen Vorahnung begleiten uns durch den Tag.

Sie brauchen sich erstmal keine Sorgen zu machen.
Mmh.

Nachts dann die Flucht in morphine Zeitlupen: Klassenloses Tippgetripp und Bassgebums ohne böse Absicht und Profit. Augen zu und Weltall, bis die Öffnungszeiten einschreiten.
Und dann: Licht an, Besenmann.

Deine Seele und meine Seele, das ist in Wirklichkeit dieselbe Seele.
Geh nach Hause, du Vogel. Hier ist Feierabend.

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