Fehjn! Fehjn!

Der kleinwüchsige Mann mit der Silberbrille zischt es mit aller Inbrunst in seine winzigen Fäuste.

Fehjn! Fehjn!

Dann ist es wieder still im Wartezimmer. Zum zwanzigsten Mal schiebe ich meine Notizen zusammen, klappe die Beine übereinander, rücke meine Silberbrille zurecht und seufze. Der Zeitungsständer gibt nichts her, das Mobiliar ist desinfiziert, im Aquarium kann ich keinen einzigen Fisch entdecken.

Fehjn! Fehjn!

Komme wieder beim Verrückten an, den seine Wahnvorstellungen in die Zimmerecke rechts von mir gequetscht haben. Vier, vielleicht fünf Schritte entfernt. Der Mann ist kaum größer als ein Schuhkarton. Die Tür fliegt auf und das Luder trägt jetzt schlabberige Leggings unter einem schlabberigen Kittel aus Schnee und steril. Mit einem Klemmbrett unter dem Arm betritt sie den Raum und hält geradewegs auf mich zu. Im Fernseher hoch über dem Kleinwüchsigen brennt ein Mensch in High Definition.

Würdest du das hier bitte ausfüllen?
Natürlich.
Und nicht schummeln. Mit falschen Angaben schneidest du dir nur selbst ins Fleisch.
Okay.

Sie drückt mir das Klemmbrett mit dem Fragebogen in die Hand und lächelt warm und freundlich. Ihre Schlappen haben Löcher, durch die rotlackierte Zehnägel blitzen. Zehnägel in Höhlen. Ich hatte das Luder vor einigen Stunden getroffen, in Lichtenberg, als noch Nacht war. Stand geschäftlich in einer gefährlichen Straße rum, mit den Nerven eines Folteropfers. Stand bewegungslos und lautlos da, bis ich ihre Absätze über den löchrigen Asphalt klappern hörte und panisch herumfuhr, denn ich hatte Turnschuhe erwartet oder Mokassins. Sie stackte hilflos in meine Richtung, ganz in schwarzem, hautengem Latex gefangen, die Hände auf den Rücken gefesselt, Ball im Mund. Ihr blondes Haar hing in schweißnassen Strähnen herab, Trip Oktopus, Trip in den Augen.

MMMHÜMÜHMÜMMHÜÜÜ!!!

Solche Scheiße passiert mir. Unterschrift Steinbart. Gleichzeitig gebe ich das Klemmbrett, den Kugelschreiber und das Lächeln zurück.

Ich habe nicht geschummelt.
Braver Junge.
Fehjn! Fehjn!
Kommst du?

Jetzt werde ich für einige Zeit in dem Zimmer am Ende des Flures verschwinden. Angeblich haben die da drin eine Wasserrutsche in Form einer endlosen, inwendigen Spirale und allerlei andere Abkürzungen ins Untergeschoss der eigenen Wirklichkeit. Was nach ‘ner Menge Spaß aussieht kommt mit einem gewissen Risiko. Man kann da drin verrückt werden, wenn man nicht aufpasst. Wenn man schummelt.

Drei vor fünf, Zeit zu gehen.

Ich liebe euch.
Ernsthaft.

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Unpromote my Arsch

Ich habe neulich den Teufel getroffen. Von Beruf ist er Medien- und Kommunikationsberater. Hat Kontakte bis nach ganz oben. So einer ist das… Er führte mir sein nagelneues Telefon und jede Menge busy-busy vor und wenn er nicht am scrollen oder tippen war, guckte er böse und selbstgefällig. Wir saßen zu dritt um einen kleinen Tisch herum und warteten darauf, dass uns Biere gebracht würden. Der Dritte im Bunde war gleichzeitig der Initiator dieser konspirativen Zusammenkunft, die er uns, als harmloses Bierchentrinken verkleidet, untergejubelt hatte. Er vertrat die Meinung, das Seltenheim es verdiente, in den ganz großen Medien eine faire Besprechung zu kriegen.

Das hier war seine gute Tat.

Schließlich kamen die Biere und wir stießen an. Prösterchen, sagte der Teufel. Und das war das letzte positive Wort, das er an diesem Abend von sich gab. Nachdem wir die Gläser wieder abgestellt hatten, griff sich der Dritte das Mikro und erzählte dem Teufel von meinem Buch und der Teufel scrollte und tippte und hob ab und zu den Kopf um zu nicken oder Aha zu sagen. Als der Lobgesang abgeklungen war (ich inspizierte währenddessen meine Schuhe), legte Hölles Abgesandter das Internet auf den Tisch, wartete bis der Monitor erloschen war und startete anschließend eine zwanzigminütige Belehrung darüber, was ich wie zu schreiben und zu sagen und zu tun hätte, falls ich es in dieser Welt zu etwas bringen wollte.

Also schriftstellerisch.

Die Details erspare ich euch. In etwa fühlte sich das an, wie bei einer Arschloch-Anprobe, bei der allerdings der Körper dem einzunehmenden Rektum angepasst wird und nicht umgekehrt.

Also, hmmm… an der Seele und den Schultern nehmen wir noch zweidrei Zentimeter weg und dann kriegen wir Sie da schon rein… Scheiße, zur Not ertränken wir Sie vorher in Gleitmittel…

Gegen Ende des höllischen Vortrages jedenfalls begann ich zu grinsen und mein Grinsen wurde mit jedem Satz breiter, bis ich irgendwann aussah wie ein neckischer Delphin. Das erzürnte den Teufel sehr und er rief mit bebender Stimme:

Vergiss nicht wer ich bin! Du brauchst mich! Nicht umgekehrt… Also entweder du spielst nach meinen Regeln und kommst vielleicht nach Pussyland, wo es MDMA regnet, Porsche blitzt und Basslines donnert, oder du bleibst das, was du bist.

Niemand.

Da ich auch nach weiteren Drohungen keine Anstalten machte, zur Vernunft zu kommen, ließ der Teufel schließlich von mir ab und verdrehte resigniert die Augen: Was für eine Zeitverschwendung… Damit stand er auf, zahlte sein Bier und verschwand in die Nacht. Nach einer langen, bedrückenden Stille bestellte der Dritte zwei doppelte Vodka, die Sekunden später zwischen uns standen. Völlig weggetreten hing er in seinem Stuhl und betrachtete die beiden beschlagenen Gläser in der Mitte des Tisches.

Drauf geschissen, sagte ich. War gut gemeint aber eh ‘ne bekloppte Idee von dir…

Keine Reaktion. Nichts. Völliger Absturz in was-weiß-ich-für Tiefen. Sicher, es war bestimmt nicht einfach, eine so gefragte Persönlichkeit wie den Teufel an den Tisch zu kriegen… Trotzdem niederschmetternd, wenn man doch nur gute Intentionen verfolgt… Plötzlich zuckte ein Gedanke durch das versteinerte Gesicht des Dritten. Ich konnte das richtig sehen… Mit einem Schlag sprang er auf.

Mein Gott! rief er mir ins Gesicht und hob feierlich sein Glas. Ich liebe dich!

Um mich von dem folgenden Lachanfall zu erholen, brauchte ich geschlagene 55 Minuten und 4 weitere Wässerchen. Danach hatte ich mich soweit im Griff, dass ich den Heimweg riskieren konnte, ohne unterwegs verhaftet zu werden.

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Dreimal Zunge

1 Träume unter Laborbedingungen. Zungen, die sich aus Fenstern strecken, sich blind in meine Richtung bewegen, sich durch Gulliroste quetschen, immer suchen, immer tasten… durch Schlüssellöcher hindurch, ssss..! Dabei penne ich nicht mal. Hocke wie ein nervöser Koboldmaki in einem Baum, unter dem finstere Akrobaten ihren nächstbesten Impulsen nachgeben. Handschriftliche Zungen, um den Kreis zu schließen,

ssss und feucht und blind.

2 Kurzschluss in der grünen Lampe auf meinem Schreibtisch. Ich bleibe unbeeindruckt sitzen, in der Dunkelheit, und stelle mir eine Zeit vor, in der ich nicht mehr schreiben muss.

XYZ An das außerirdische Mädchen im blauen Kleid: Leider hast du mich in einem Moment erwischt, da ich gerade meinen Rücktritt eingereicht hatte. Doch in meiner Brust steckt ein versauter Vogel, glaub mir.

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Der Tod ist eine Mogelpackung

Wir Menschen sterben genauso wenig wie ein südpolarer Eisberg, der nach Norden treibt. Also hört auf euch so zu benehmen, als käme nach euch die Sintflut.

Danke.

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Das Märchen von Jimbob und Maryjane

Jimbob war ein braver Feierabendalkoholiker, der das was er tat, von ganzem Herzen tat. Sämtliche Kontoauszüge wurden sorfältig abgeheftet, die monatlichen Kopfsteuern termingerecht bezahlt und hin und wieder half er einem Obdachlosen aus, in dem er ihm eine Zeitung abkaufte. Als informierter Bürger kannte er sämtliche Krisenherde beim Vornamen und wenn er morgens auf die Straße trat, um die Lohn-und-Brot Nummer abzuziehen, seufzte er das Seufzen eines pflichtbewußten, festangestellten Homunkulus. Wie jeder Jimbob litt auch unser Jimbob an mittelmäßigen Depressionen. Nun begab es sich zu einer Zeit, als Jimbob vom Vodka blind zu werden drohte, als es eines Abends an der Tür klingelte. Jimbob wartete, ob sich das Klingeln von selbst erledigen würde. Er wartete ganze dreizehn Spielfilme lang, doch das Klingeln ließ nicht nach. Schließlich öffnete er die Tür.

Hi!
Und?
Ich bin Maryjane!
Na dann komm halt rein.

Maryjane zog sich nackt aus und fletzte sich aufs grüne Sofa. Und sie sah gut aus. Mit Titten gerade richtig und Nippeln, die sich förmlich in Jimbobs glasverstärkte Augen bohrten.

Heilige Scheiße! sagte Jimbob und schlug vor lauter Scham die Beine übereinander.
Willstema lutschen? fragte Maryjane.

Und Jimbob lutschte.

Das Statistische Bundesamt hat gezählt, das im Jahre eures Herrn 2012 exakt 14551 Menschen an den Folgen über- oder regelmäßigen Alkoholkonsums gestorben sind. 10922 Männer und 3629 Frauen. Selbstverständlich darf, wie bei jeder anderen Statistik, auch bei dieser davon ausgegangen werden, dass sie im Interesse des Auftraggebers korrigiert wurde. Grasbedingte Sterbefälle sind bisher noch keine registriert.

Jimbob sortiert heute zwar keine Kontoauszüge mehr und ist mit seinen Zahlungen ein halbes Jahr im Rückstand, aber dafür kann er wieder ohne Brille gucken. Seine Depressionen sind einer Art hysterischen Gleichgültigkeit gewichen und seit die beiden eine sogenannte Haushaltsgemeinschaft bilden, klagen die benachbarten Anwohner über tagelanges, schallendes Gelächter.

Im ERNST?
HAHAHA!!!

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MS Flux, Deck 12

Das mittlere Studio von FluxFM ist ein kleines Wunder, jedenfalls wenn man auf dem Gast-Hocker sitzt: Durch ein längliches Fenster in Fusshöhe fällt der Blick fünf fette Stockwerke runter ins Wasser. Sonst nichts, ein ganzes Quadrat nur winzige Wellen, ab und zu ein Tretboot. Durch ein weiteres Fenster in der Dachschräge ziehen die Wolken. Willkommen an Bord der MS-Flux. Wir wünschen Ihnen eine gute Reise. Ich war da drin um ein paar Fragen zu beantworten, die vielleicht mal ausgestrahlt werden, und bin der überaus angenehmen Moderatorin ein Beispiel schuldig geblieben (hat unsere Sprache einen Einfluss auf unsere Denke?). Also…

Welches Bier ist mir?
Das linke.

Zur Erinnerung: Unser Koordinatensystem ist ICH bezogen, ein Egozentrisches-Koordinatensystem sozusagen. Links und Rechts bedeutet, soweit nicht anders spezifiziert, links und rechts von mir oder von mir aus gesehen.

Bei einigen Ureinwohnern unseres Planeten hat man Sprachsysteme entdeckt, die eine gemeinsame, außergewöhnliche Eigenart aufweisen: In diesen Sprachen existiert weder links noch rechts, weder vorne noch hinten. Fragt man eine Person aus diesem Sprachraum danach, in welcher Hand sie das Glas hält, so würde diese Person beispielsweise “in der nördlichen” oder “in der südlichen” antworten, je nachdem wo die Sonne gerade steht.

Herr Schamane, mein Knie schmerzt.
Welches? Sie haben zwei…
Das westliche.
Na dann wollen wir uns das mal anschauen.

Drückt man ihnen Karten in die Hand, die Sinn als Serie machen (zum Beispiel der Lebenszyklus eines Menschen vom Säugling bis zur Leiche) so würden wir Deutschlinge zum Beispiel diese Karten von links nach rechts anordnen. Bewohner von Sprachen, in denen von rechts nach links geschrieben wird, würden dieselben Karten von rechts nach links sortieren. Diese speziellen Ureinwohner jedoch sortieren die Karten danach, wo sich gerade die Sonne befindet. Sie fangen im Osten an und die letzte Karte liegt im Westen. Setzt man sie auf die andere Seite des Tisches, sortieren sie die Karten eben anders herum. Übrigens funktioniert dieses System auch bei Nacht oder in geschlossenen Räumen ganz hervorragend. Die haben den Kompass eingebaut. Serienmäßig.

Und kein Ich weit und breit.

Ob dieser dicke Draht zu Mutti Kosmos möglicherweise Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Realität hat?
Da kannste drauf wetten.

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