Lilli

Versteckt unter einer Decke aus experimentellem Sound und minderwertigen Rauschmitteln entdecke ich Lilli, die sich gerade aus ihren Klamotten pellt: Jacke, Mütze, Handschuhe… so eine echte Kloß-im-Hals Schönheit, sofort umringt von zwanzig Interessenten, die es alle supergut mit ihr meinen und einer nach dem anderen eine freundliche Absage kassieren. Lilli möchte gerad’ nicht reden. Lilli braucht auch keinen Drink. Drei Schritte ins Licht

und Lilli tanzt.

Ein Stückchen weiter hinten kippe ich rückwärts gegen meine Säule, hake mein Hirn in ihre Bewegungen ein und folge mit weit aufgerissenen Empfängern jedem einzelnen Schwung, jeder Biegung ihres Körpers, folge den geheimnisvollen Wegen ihrer Finger (die ein eigenes Leben zu leben scheinen) folge glatten, schwarzen Strähnen bis in die Spitzen (wo der Bass Gewitter macht), dem sanften Wiegen ihrer Brüste und mache mich anschließend auf die Reise über eine endlose Bauchdecke, etliche Kilometer Schenkel nach Süden, tagelang unterwegs und kein bisschen durstig. Eingeklemmt in dieser morphinen Zeitlupe erinnere ich mich plötzlich an einen kalten Wintertag im Wald. Ich war stehen geblieben ohne zu wissen warum, als ein Reh aus dem Unterholz trat, ein paar zögerliche Schritte auf mich zu machte und dann ebenfalls inne hielt. Ich kniete mich in den Schnee und das junge Tier tastete sich weiter in meine Richtung vor. Ganz langsam, einen Schritt nach dem anderen, bis wir nur noch eine Armlänge von einander entfernt waren und den Atem des anderen im eigenen Gesicht fühlen konnten. Und dieser Atem roch nicht nach Gefahr. Er roch nach Begegnung. Eine gute Erfahrung später, als unsere Schatten so groß wie die Bäume waren, verabschiedeten wir uns mit einem Lächeln.

Und der Gewissheit, dass wir uns wiedersehen würden.

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DIEC

Samstamann ist immer hell, immer wach. Nur nicht hier und nicht heute. Auch bin ich nicht die Suka Lubov: Auf einem Felde, kurz hinter KW steht Samstamann und pisst in den Schnee. Ich lasse mich von euch nicht kategorisieren. In einem kleinen, flackernden Würfel (ca. 3 x 3 x 3 Meter): Feuchtrosa Zungen quetschen sich durch die winzigen Fenster in den Raum… sssh… eine Art Interview. Der Typ gegenüber ist fett und hat ungesunde Flecken im Gesicht, sein Blick ist flüssig.

Sind sie wirklich so diszipliniert?
Selbstverständlich nicht.

Porno. Punkt.

Ständig auf der Suche nach einem Gesprächspartner für mein Unbewußtsein. Danke an alle Unterstützer.

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Die Ebene

Unter einem halben Mond schieben sich die ersten Wolken zusammen. Noch steht die Hitze der letzten Monate in der knochentrockenen Ebene, doch der Wind wird kommen. Und mit ihm der Regen. Tiere und Tierchen sind nervös, strecken ihre Nasen in die Luft, lauschen angespannt. Das Jaulen eines einsamen Jägers zerreißt die Stille der Nacht. Kein Wolf, kein Kojote. Nichts, das wir uns heute vorstellen könnten.

Vor dreiundzwanzigtausend Jahren verschwand das letzte Artefakt unserer sogenannten Zivilisation. Das massiv-goldene Dach des Bunkers Letzte Zuflucht für Aufsichtsräte wurde von einer kilometerbreiten Schlammlawine verschluckt. Das war, als sich die Berge neu arrangierten. Jetzt erinnert nichts mehr an die Zeit der Menschen.

Nicht mal das Wort.

Unter einem halben Mond schieben sich die ersten Wolken zusammen. Der Wind wird kommen und sie über die Ebene treiben und dann wird es regnen. Wie immer.

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Arrogante Konsequenzen

Langsamer, vertikaler Abwärtsschwenk aus einem beeindruckenden Sternenhimmel auf eine einsame Hütte zwischen verschneiten Bergen. Warmes Licht in allen Fenstern. Glasklare Eiszapfen hängen von oben ins Bild. Schnitt. Rauchfreies Kaminfeuer, das Holz knackt, die Flammen lecken. Sanfte Klaviermusik. Totale: Rechts im Vordergrund ein gepflegter junger Mann im maßgeschneiderten Anzug und mit säuberlich ausrasiertem Nacken. Er sitzt seitlich auf der Lehne eines Ledersessels, dem Kamin zugewandt und mit dem Rücken zu uns. In der linken Hand schaukelt er ein Glas Weinbrand. Dahinter, auf der anderen Seite des Feuers, die halbscharfe Andeutung einer junge Frau in weißem Abendkleid und Stöckelschuhen. Sie steht auf dem Fell eines zu diesem Zweck hingerichteten Bären. Der Fokus liegt gleichermaßen auf dem Weinbrandglas und dem Schädel des toten Tieres. Die Frau ist vorzüglich gebaut und hat enorm viel Haar, das ihr gerade jetzt ins Gesicht fällt und von dort mit einer äußerst poetischen Geste wieder entfernt werden muss. Offensichtlich erzählt der junge Mann ihr eine Geschichte, die zu gleichen Teilen nachdenklich stimmt und aphrodisierend wirkt. Nahaufnahme: Rot lackierte Fingernägel nesteln an dem einzigen Knopf am Kleid. Zurück in der Totalen: Das Kleid fällt.

Voice Over (vertrauenswürdige, bärtige Männerstimme):

“Linkes Auge hinkt.
Wir ficken ihr Gehirn mit Stil.”

Abblende nach Schwarz.

(

Muuuh.
Muuuh, muuuh…
Muhmuh…

)

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Suckysucky

“[…] daher überrascht es auch niemanden zu erfahren, dass derselbe Steinbart seine Opfer mit Alkohol, Drogen und unter Androhung von Gewalt gefügig macht, bevor er sie fotografiert und dabei zu erniedrigenden und teilweise illegalen Sexualpraktiken zwingt.”

Das ist eine vollverfotzte Lüge! Fakt ist, ich habe noch keine einzige Frau gegen ihren ausdrücklichen Wunsch durch die Wandvertäfelung gevögelt und das mit dem ewigen Ständer ist auch schon ein paar Jahre her. Heute bin ich froh, wenn ich zum Samstag-Abend-Suckysucky überhaupt noch einen hoch kriege.

Ich habe sehr großen Respekt vor den Damen. Wahrscheinlich den größten Respekt von allen.

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Flookshribers letzte Worte

Auszug aus der diesjährigen Sitzung mit meinem Schüler Anatoli J. Flookshriber, die letzte Woche stattfand. Wir sprachen über den Fortschritt seiner digitalen Desinfizierung, die wir bei der Sitzung im Januar letzten Jahres als Therapeutisches Ziel 2014 festgesetzt hatten. Die zu diesem Zweck von mir verordneten Übungen erforderten ein Höchstmaß an Disziplin. Ich hatte wenig Hoffnung.

Wie ist es gelaufen? Hast du die Übungen gemacht?
Bin ich Opfer Alter? Hehe… Spaß. Nee. Ernsthaft… keine einzige habe ich ausgelassen. Und irgendwann im Herbst war ich soweit… da hab ich dann das letzte Interesse an dem ganzen Ideologien-Dreck beerdigt… frische Ängste, frische Sorgen… weißt schon… immer schön von oben reingeschoben in den vollgeknallten Mastdarm… so schnell kann doch keiner scheißen… Mensch, ich war so dermaßen satt davon…
Wie hast du dich anschließend gefühlt?
Nach dem Abschalten? Alter… völlig am Arsch war ich… Ausgelutscht. Stundenlang auf der Brücke mit rasenden Pupillen… Leben fliegt vorbei denk ich und ich soll hier nichts verpassen…? So gefühlt, verstehste… aber nach paar Tagen gings dann los… die volle Ruhe kehrte ein im Hause Flookshriber und plötzlich so’n Gedanke, dann noch einer… ganz isoliert kamen die durch… konnte ich fast anfassen… jonglieren, weißte… so wie die Keulenhippies am Hallischen… konnte auf einmal so richtig entscheiden, womit ich mich als nächstes bespaßen will, oder ob ich mich überhaupt bespaßen will… seitdem renn ich durch den Wald mit dem Lächeln von ‘ner heiligen Hirschkuh… Mensch… Zufälle ohne Ende… richtige Visionen, in Träumen und volle Liebe, Alter… volle Liebe… Alter, ich kann dich sehen. Euch alle! UNS!

Als A. J. Flookshriber an diesem Tag meine Praxis verließ und mit dem Lächeln seiner heiligen Hirschkuh auf die Straße trat, wurde er von einem Getränkelaster erfasst und circa zweihundert Meter weit mitgeschliffen. Flookshriber verstarb noch am Unfallort.

Reine Glücksache.

Er hätte genauso gut an Ebola sterben können. Oder an Aids. An Terrorismus oder Islam oder Drogenmissbrauch oder Steuerhinterziehung oder Vlad Putin oder all den anderen Gefährdern unserer vermeintlichen Sicherheit.

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