Plastic People

Es regnet und wir warten den Schauer ab, im Eingang eines Modellbaugeschäfts. Vor uns vorbeieilende Regenschirme mit Plastiktüten und hinter uns der Krieg. Häuserkampf, zweiundvierzig, in einem französischen Dorf. Stehende Soldaten, knieende Soldaten, liegende Soldaten. Alle mit Gewehr im Anschlag und in sauberen Uniformen. Niemand ist hungrig, verletzt oder von Wahnvorstellungen geplagt. Die Panzer sind blitzblank geschrubbt und blühen in ihrer Tarnfarbe. Büsche aus Plastik, Bäume aus Kork, Wolken aus Watte. Gesichter aus derselben Gussform. Ich presse die Nase an die Scheibe und mein dampfender Schädel beschlägt das Glas. Eine junge Frau schleppt zwei Milchkannen durch die Schusslinie. Der Dorfhund hält ein Nickerchen vor der Pâtisserie. Dann zerrt sie mich weiter, Schuhe kaufen. Der Regen hat aufgehört.

Kleiner Prolog

Hinter den halbgeöffneten Lamellen tobt die weiße Sonne und ich liege ausgestreckt auf dem Bett in einem lauwarmen, halbdunklen Raum, der vollgestopft ist mit scharfkantigen Möbeln aus Pressspan im Eichenlook, billig in der Anschaffung und bei Bedarf einfach zu desinfizieren. Ich liege auf der Seite, das Ohr in der Hand und blinzele rüber in die Streifen grellen Lichts. Mein Schwanz hängt teilnahmslos über den Schenkel und auf dem Balkon gegenüber meckern zwei verschwitzte Kanarienvögel. Dahinter das dumpfe Rauschen des Meeres und unter dem Fenster das Gemurmel hunderter Touristen, die sich ehrfürchtig und  in kleinen Grüppchen durch die engen Gassen des historischen Küstendörfchens schieben.

Zwischen Erklärungsversuchen für eine Laune versuche ich an die straffen, öligen Körper am Strand zu denken, damit mein Schwanz den Kopf hebt und ich ein Gefühl bekomme. Damit ich die Unwetterwarnungen wegficken kann. Ich bin nicht alleine gereist. Sie steht im Bad und bereitet sich auf die Abfahrt vor. Ihre Reisetasche, dieses überreife, geplatze Insekt, liegt vor dem Bett, rundrum Klamotten, Utensilien zur Körperpflege, ein Reiseführer. Ein Ausflug nach Norden, in einen Naturpark, dreihundert Kilometer entfernt. Zwei Übernachtungen, ausgewogenes, kulturelles Programm tagsüber und abends Vorführungen in traditionellen Kostümen, VIP-Club, eine Mondscheinbootsfahrt. Alles im Preis inbegriffen. Nur harter Alkohol und Schnuppertauchen kosten extra. Ein unangebrachter Kommentar also, maßlos übertrieben, total unangebracht und ich rechtfertige mich lustlos, fechte einhändig im Liegen. Die Kanarienvögel fallen von der Stange und werden umgehend von 51 Grad Celsius pulverisiert. Der Fön geht an. Die Kanarienvögel gehen an. Der Fön geht aus. Es folgen weitere Vorwürfe aus dem Bad. Ich stelle mir vor, wie sie im Spiegel nach Pickeln oder Falten sucht während sie die Anklageschrift verliest: mangelnde Motivation, mangelndes Interesse, Egoismus. Ihre Sätze schieben sich wie die Wagons eines knirschenden Zugunglücks ineinander und ich halte mir die Ohren zu, warte auf den Türknall.

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Dolores

Dolores

Optische Fressattacke

Ich schwitze auf der Suche nach meinem Arzt, Hypnotiseur. Schwitze auf meinem grünen Sofa, einfach so, beim Starren in ein Zimmer, an dessen Besitzer ich mich nicht erinnern kann. Oft reiße ich die Augen auf um mehr zu sehen, als da ist. So eine Art optische Fressattacke. Zweidrei ruckartige Bewegungen mit dem Kopf, dann schnell ein paar Sätze notiert, bevor sich wieder die lauwarme Dämmerung wie ein heimkehrendes Narkotikum auf meine Lider legt. Unter Wasser. Ohne Panik. Unter Eis.

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Bar Elf

Nur erstmal raus hier und
durch die nächtlichen Straßen irren.
Beschallungsfrei und über mir der Himmel
in schwarzblau, noch mit Sternen dran.
Durchatmen, unbehelligt. Dankeschön.

In den Pfützen dein Gesicht,
überschrittenes Verfallsdatum,
und die fette, haarige Hand,
die dein Knie tätschelt und deine Wange
wie den rasierten Arsch eines Preispudel.

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Matrjoschka

Sieh mich an. Bitte sieh mich an. Ich möchte dir etwas erzählen und dabei meinen Blick zwischen deinen Augen und dem tiefen Ausschnitt deiner gestärkten, grellweißen Uniform hin und her wandern lassen. Also sieh mich bitte an.

Ich möchte dir einen Traum erzählen, den ich letzte Nacht hatte. In der kurzen Phase starren Schlafes zwischen zwei Würgeattacken. Ich kann mich einfach nicht an diese Schläuche in meinem Hals gewöhnen. Beantwortest du mir vorher ein paar Fragen? Zum Beispiel könntest du mir erzählen, was du letzte Nacht getrieben hast, dass deine Pupillen so klein und deine Knie so rot sind. Oder wenigstens, wie absolut die Verwüstung in meiner Brust ist? Werde ich ohne die kalte, stählerne Lunge atmen können?

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Von Pelzen und Licht

Spätvorstellung

Die Spätvorstellung ist vorbei, Mitternacht lange her. Wir kommen aus dem Kino als heimkehrende Soldaten und Krankenschwestern. Selbstverständlich verwundet, selbstverständlich glücklich. Wir leben.

Du bist schöner, dein Arsch ist straffer und dein Gang aufrechter. Ich bin sensibler, eine durchwegs ehrliche Haut, und meine Schultern sind breiter. Wir scheißen nie wieder und in ein paar Monaten werden wir vergessen haben, wie sich eine Erkältung anfühlt. Oder ein Mitesser. Wir werden vergessen haben, wie man Rechnungen bezahlt. Sinnlose Streitgespräche mit Ohrfeigen unterhalb der Gürtellinie werden bleiche Erinerungen sein, hin und wieder eingeblendet, halb-transparent, ein Déjà-vu.

Deine Hände sind kalt. Ich lege dir meine Jacke über die Schultern. Wir gehen nach Hause.

Werktag Remix

Woher kommt diese Stille? Der Himmel über der Kastanie im Hinterhof ist grau. Früher Morgen, der Mund ausgetrocknet, kein Schlaf, das Bett ist unberührt, ein paar Haare von dir auf den Laken. Der Wecker klingelt und ich schlurfe hin, in meinen Hausschuhen, um ihn abzuschalten. Komm zu dir, Steinbart. Komm zu mir. Nicht verkatert, kein Schluck. Diesen Beitrag weiterlesen »