In eigener Sache

Nur kurz, ich schwitze.

Eins
Die Seite hat ein neues Gesicht und ist jetzt hoffentlich lesbarer, egal auf welchem Apparat. Auch beim Ausdrucken von Texten sollte es jetzt weniger bis keine Probleme mehr geben. Falls doch noch irgendwas merkwürdig oder falsch aussieht, macht mal den Cache von eurem Browser leer. Vielleicht hängen da noch irgendwelche Altlasten. Und wenn’s dann immernoch klemmt, sagt Bescheid.

Zwei
Der nächste Roman ist jetzt offiziell in der Mache.

Drei
Es wird keine Fortsetzung von Seltenheim sein.

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Selfie mit Falter

Mit einem schmutzigen Weinglas fange ich den Nachtfalter ein, der an der Kalkwand neben meiner Schreibtischlampe klebt wie ein trockentotes Exemplar über lateinischem Namen. Ich schließe den Käfig mit meiner Handfläche und rede mit sanfter Stimme auf den panischen Flattermann ein. Mach dir keine Sorgen, mein kleiner Scheisser, ich werd dir nichts tun, ich will nur ein bisschen Gesellschaft, usw. Da wird er ganz entspannt, setzt sich auf den Boden seiner neuen Zelle und schaut mich an. Zusammen gehen wir auf den Balkon. Die Nacht ist ein verschwitztes Schwergewicht. Irgendwo bellt eine Sirene, sonst herrscht absolute Windstille. Während ich mir in aller Ruhe eine Zigarette drehe, krabbelt mein neuer Freund rauf zu den Lippenstiftspuren. Am Rande seines Käfigs angekommen, trifft er jedoch keinerlei Startvorbereitungen. Er scheint zufrieden mit der Tatsache, dass er jederzeit abhauen könnte. Vielleicht hat er seine Gefangenschaft auch bereits vergessen. Seine Stimme jedenfalls klingt wie die eines tiefenentspannten Berliner Nachtfalters.

Damenbesuch jehabt, hm?
Jupp.
Und? Habta jetackert?
Neee…
Warse hübsch…?
Jupp.
Blond?
Neee…
Mensch, nu lass dir doch nich alles aus der Nase ziehen…

Wir quatschen noch den halben Weg zum Morgengrauen. Er erzählt mir von seiner geilen Zeit als Puppe und den gesetzlich geschützten Fledermäusen, die jetzt, da er quasi erwachsen ist, zu einem Albtraum geworden sind.

Da haste ja kaum noch ne Chance als Falter… Dit sind einfach zu viele jeworden, seit ihr die auf eure Fast-Ausjerottet-Liste jesetzt habt.
Damit hatte ich nichts zu tun.
Ach stimmt ja, bei euch ist ja imma icke und der da und die da… Indivandualismus, wa? Kapier ick nicht… ihr seid doch eh allet ehn Jemüse, Mensch. Rafft ihr dit nicht oder wollt ihr dit so?
Individualismus heißt das.
Soso. Naja… druff jeschissen. Ick mach ma los jetze…

Kurzes Fühlerfechten, Flügelstrecken und dann hebt er ab, mein kleiner Freund.

He warte mal!!! rufe ich bevor er in den Rest der Nacht schießt. Wohin seid ihr eigentlich geflogen, bevor es Glühbirnen gab?!
Haha… der Witz hat ja schon soooon langen Bart. Zur Sonne Alter, ZUR SONNE!

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Akustisches Inferno

Seemanns Hände sind die Ruhe selbst, als er ansetzt und seinen Schnitt in die Zeit macht, die hinter dem Skalpell aufklafft wie eine jod-bemalte Bauchdecke. Na wunderbar ist alles, was mir dazu einfällt. Wir anderen stehen rum, atmen selbstverständlich, warten auf den Tod. Seemann ist weiter. Er steckt beide Hände in das glibberige Chaos und zieht ein Stück Stillstand raus, glänzender als alles, was ich bisher gesehen habe. Seine Stimme ist nicht mal ein Flüstern.

Für mich gibts da nichts mehr zu holen. Ich bleibe hier.

Dieser gottverdammte Schweinepriester… Der kann sowas machen.

Ich nicht. Wir schalten live in die folgende Nacht, mitten rein in den Klumpen chemisch aufgetakelter, zuckender Körper. Der Laden platzt. Im rammelvollen Hinterzimmer machen sich vier Amerikanische Touristen über ein flachbrüstiges Erstsemester her. Geruch von verschwitzten Körperfalten liegt in der Luft. Tapeten aus Teppich. Alles Orient und kein Durchkommen. FAUN! schreit etwas von links über den gedämpften Beat. Ich latsche auf ein vollgespritztes Gummi, stelle mich quer und drücke mich an einer Blondine vorbei. WAS? Dampfende Leiber, massive Luft, trübe, schwer und unendlich laut. Ganz nebenbei lässt ein weiterer fetter Neger die Hose runter und hält dem stöhnenden Zentrum der Aufmerksamkeit sein Ding vor die Nase… Blitzlichtgewitter, Stimmengewirr, Anfeuerungen und Ausrufezeichen und durch das akustische Inferno treiben die Lautsprecher nebenan den fettesten Bass, den die Stadt je gehört hat. Ich komme hier nicht durch, so oder so nicht. Hinter mir gellt ein spitzer Schrei durch die Luft, gefolgt von einem Jaulen. Eine Lehrkraft aus Oberbayern hat aus Neugier oder Harndrang den Vorhang durchbrochen. Sie ist zu Besuch bei ihrer Nichte und dieser völlig überraschende Sneek-Peek in die Hölle höchstpersönlich wird sie für den Rest ihres oberbayrischen Lebens heimsuchen. O HEILIGE MUTTER MARIA! Ich piss mir gleich in die Hose… Kann ich da mal durch verdammt nochmal? Der pechschwarze Schwanz steht waagerecht in der Luft, zuckt wartend auf seinen Gebrauch, plötzliches Gejohle aus irgendeiner Ecke, in der illegale Hundekämpfe abgehalten werden… Kann ich mal durch?

Der bläst sich nicht von selber, Fotze!
Hehe…
Hehe…
Hehe…

Kann in dem ganzen Hack das Mädchen nicht mehr ausmachen, nur Männerärsche, behaarte Arschlöcher und behaarte Beine. Vielleicht gab es nie ein Mädchen, vielleicht haben die sie absorbiert. Mir stehts bis zum Hals als ich endlich die Klotür auftrete. Es stinkt nach Ammoniak und Scheiße und Sperma und Schweiß und Kotze und Kiff und weil sämtliche Kabinen dicht sind und die Pissrinne voll mit aufgequollenem Klopapier, hänge ich meinen Schwanz ins Waschbecken und lasses laufen, gucke nebenbei an diesem Körper runter: Sinnlose Arme und Beine, Torso wie eine wartende Knastzelle… Blick zurück nach oben in den Spiegel, in den Schädel, dessen Öffnungen mich plötzlich an die Schnäbel hysterischer Spatzen erinnern und der jetzt wieder mal die blanke Fickerei kriegt-

Scheiße Seemann, hier gibts für niemanden was zu holen.
Och, lass ma Schultern kreisen, mach dich locker, besorg dir ein Bierchen… achso, und falls du diesen Petrolarsch triffst, der hat bestimmt ‘n paar Stimmungsheber dabei.
Menschenskinders… kann ich ma…?
Sorry ey…
Skusi…
Hey…!
Ey…!
Ey…
Ey…
Läufts…?
schissen…
Hm…? Ah… beschissene Nummer… FUCK!!! Guck dir das an…
…wasn?
…sind das Glocken…
Hm…?
Im Gestreiften da…
Yeah… kenne ich… vergiß es…
Scheiße… hier…

Danke, Mann. Danke.

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Ich miserabler Selbstverkäufer

In mindestens einem der Bärte ist ein Loch und aus diesem Loch kommt eine Stimme.

Aber erzähl ma so, wovon handelt das Buch eigentlich?

Es ist kurz vor Sonnenuntergang in der Hasenheide, Guerilla Geburtstag mit Goa, Glanz und Grillfleisch. Alles läuft auf Anschlag und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die üppige Party von Rechts wegen aufgelöst wird. Aber niemanden kümmert das. Es gibt ein ordentliches Set, ausreichend Gras und Bier und ja, das Wetter ist auch vom Allerfeinsten. Etwas abseits der rhythmischen Segelflieger liegend hatte ich gerade beschlossen, trotz der Dezibel ein kleines Nickerchen zu machen, als sich die drei Bärte plötzlich und mit geradezu bedrohlichem Interesse an mich wenden. Einer von ihnen hält den Seltenheim in der Hand und blättert darin herum. Die anderen beiden setzen sich direkt vor meine Nase. Ich stecke knietief in der Scheiße.

Du hast das also geschrieben?
Ja.
Echtma? Wie geil ist das denn?! Mensch, erzähl doch mal, wovon handelt es denn?
Schwer zu sagen, sage ich.
Was ist es denn für’n Genre? Eher so Fantasy oder was?

Ein paar Mädchen entern lächelnd unseren kleinen Kreis und hocken sich zwischen die Bärte ins Gras. Ich kann die Unterhose der Hübschesten sehen und richte mich deshalb auf. Nach einem Blick in die Runde stelle ich fest, ich bin umzingelt.

Also das Genre… ich-
Ist doch schon irgendwie ein Liebesroman, erklärt die Hübsche für mich, aber irgendwie auch nicht…

Ihre Nachbarin scheint das Ding auch gelesen zu haben. Vielleicht komme ich hier doch noch heile raus.

Sowas wie ein psychedelischer Liebesroman, würde ich sagen…
Und ab achtzehn…
Ne ist echt schön, lohnt sich auf jeden Fall…
Ziemlich schräg…
Und voll romantisch irgendwie…
Aber schon ziemlich speziell. Echt nicht jedermanns Sache…

Ich denke, dass ich etwas sagen sollte, doch für die Nummer mit dem Briefumschläger ist es bereits zu spät. Einfach die Schnauze halten? Wegrennen? Was würde Hamsun tun? Zwischen den Bäumen erkenne ich die weiß-grüne Wanne, die langsam auf uns zu gerollt kommt. Ich räuspere mich und warte den nächsten Break ab, bevor ich mit dem Finger Richtung Sonne zeige und die Stimme hebe:

Wo Tassen im Schrank nicht alle sind, viel Platz ist für anderes.

Damit stehe ich auf, klopfe das Gras von der Hose und warte, bis die Bullen mit ihrer Karre auf die Lichtung gerollt sind.

Nutzt den Platz!

Die Musik bricht ab und unsere Freunde und Helfer bekommen die Art von Applaus, die ihnen zusteht. Die Party ist gelaufen. Von den Bärten hat bis heute kein einziger ein Buch bestellt. Naja, vielleicht haben die’s nicht so mit Liebesromanen.

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Die Zählung der Gläubigen

Im Kühlbecken des Ausschusses haben sich feine Wellen gebildet. Die Stimmung ist angespannt. Fast acht Milliarden sogenannter Individuen und kein Schimmer, auf wessen Seite die stehen.

Wir brauchen einen Polarisator.
Einen weltbekannten.
Einen Superstar.
Nennen wir ihn Etzel.
Nennen wir ihn Edward.
Oh, Edward ist gut!

Und so wird der Gegenstand der weltgrößten Umfrage erschaffen, mit einer undurchsichtigen Vergangenheit ausgestattet und als sympathisch bebrillter Staatsverräter durch die Medien gejagt wie die Sau durch’s Dorf. Instant Volksheld. Er ist einer von der Sorte, von der sie selber gerne wären, ein quasi-Freund, der das System entlarvt hat. Der Mann vor’m Panzer. Uns Gandhi. Attraktiv, gebildet und glaubwürdig lächelt er aus allen international relevanten Magazinen und Reportagen heraus, führt seinen Mut und seine Selbstlosigkeit vor und bittet nebenbei die Bevölkerung darum, endlich Farbe zu bekennen.

Online.

Und die Welt klickt und tagged und shared und liked und nach ein paar Tagen schon liegen die ersten Hochrechnungen vor.

Also, wenn man die Wilden abzieht, liegen wir bei ungefähr Halbe-Halbe.
Gehts auch etwas präziser, bitte?
Aber sicher: Wir haben 39% bekennende Edwardianer, 48% stehen entweder auf unserer Seite oder scheißen auf Alles, was so ungefähr dasselbe ist. Der Rest kann sich keine Internetverbindung leisten.

Nach dem ersten Schock bricht ein kleines Durcheinander los. Jeder redet kreuz und quer. 39 Prozent?! Von Unerhört bis Untergang ist alles dabei. Erste Schuldige werden nominiert. Etwas Wasser schwappt über.

Meine Herren, meine Herren… ich bitte sie… ICH BITTE SIE!
Wir brauchen eine Maßnahme!
Eine weltweite Maßnahme!
Die totale Maßnahme!
Meine Herren, nun kommse mal klar! Es gibt überhaupt keinen Grund zur Unruhe! Die klicken doch bloß! Nur ein jämmerliches viertel Prozent der Edward-Groupies handelt. Ein bisschen Unfug mit Schildern und Zelten, nichts weiter… die Jungs vom Terror sind da schon dran… Also: Alles ist in bester Ordnung. So. Ich schlage vor, wir machen Feierabend für heute. Wer will, kommt mit runter an die Bar. Ich schmeiß ‘ne Rund ziviler Opfer. Und sorgt mir endlich einer dafür, dass auch die letzten Affen verkabelt werden, verdammt nochmal. Wir können uns keine Löcher in unseren Trends leisten.

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Dreihundert

Glückwunsch.

Zu dreihundert Texten, Fingerübungen, von denen ich einige als gelungen bezeichnen würde, andere dagegen als gescheitertes Weltraumtraining. Auch ich habe beschissene Tage, hin und wieder. Tage, an denen übliche Bedeutungen an den Worten haften wie Scheiße am Schuh. Tage, an denen es nichts Neues gibt, an denen Rot bloß Blut / Sonnenuntergang / Lippen (auf einem ansonsten schwarzweißen Foto) bleibt, statt Nacht zu werden oder sonst etwas, dass die grauen Mauern am Wort-Bild-Horizont bekleckern könnte. Muss noch lernen, an solchen Tagen nicht zu tippen. Doch das ist gar nicht so einfach, denn die Erinnerung ans letzte Mal, wo’s gelaufen ist, verblaßt nicht so schnell. Die rast flackernd durch den Kopf wie eine Sternschnuppe. Und dann hockste da mit deiner verdammten Sucht und wartest und malst Titten und backst Scheiße, statt Diamanten zu kotzen.

Immerhin.

Dreihundert Einträge, darunter ein paar durchaus brauchbare Versuchsanordnungen für anthropologische Experimente und ein paar magische Blasen, die bei Berührung platzen und ihre Ladung freisetzen.

Liebes kleines Publikum. Danke für’s mitmachen.

Ihr Fachhändler in Sachen Wort

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